Der schüchterne Scharfschütze

messi

Die Barça-Fans feiern heute einen ganz besonderen Jahrestag. Es war am 18. April 2007, vor genau fünf Jahren, als Leo Messi die halbe Mannschaft des FC Getafe umdribbelte und den Ball nach einem 50-Meter-Sprint im Tor unterbrachte. Es war der Tag, von dem die ganze Welt sagt, ich war dabei, und wenn auch später nur vor einem Youtube-Video. Es war der Tag, an dem das Messi-Zeitalter begann.

Denn seit diesem Tag gilt Messi für die Allgemeinheit als bester Fußballer der Welt. Und dennoch offenbart dieses Tor eigentlich nur, wie stark sich der neuzehnjährige Junge mit den langen schwarzen Haaren seitdem weiterentwickelt hat. Er ist erwachsen geworden, nicht nur als Spieler, sondern auch als Mensch. Leo Messi hat einen gewaltigen Wandel durchlaufen, seitdem er damals seine Gegner stehenließ wie Slalomstangen. Er hat nichts von seiner Explosivität und Spontanität eingebüßt, im Gegenteil, doch mittlerweile nutzt er sie anders.

Nach seinem ersten Tor für Barcelona, mit 17, wurde er mal gefragt, ob er sich als Kind etwas von großen Dribblern wie Gianfranco Zola abgeschaut hatte. Im Bauch des Camp Nous, vor dramatischen Gemälden von untergehenden Schiffen, hielt er den Kopf durchgehend gesenkt, als er schüchtern antwortete: „Gianfran-wer?“ Die Journalisten fragten weiter: Ist es der Schlüssel eures Erfolgs, dass ihr dieses Jahr einen Sechser wie Rafael Márquez habt? „Sechser? Wie meinen Sie das?“ Es war nicht schwer zu erkennen, dass der Junge, der gerade mit Ronaldinho und Deco auf dem Feld Doppelpässe gespielt hatte, wenig Ahnung von Fußball hat.

Das ist heute anders. Vielleicht kennt er noch immer nicht all die legendären Dribbler, die die Welt lange vor seiner Geburt verzückten, und wahrscheinlich schaut er sich weiterhin selten Spiele im Fernsehen an, weil sie ihn „schnell langweilen“. Doch unbewusst hat sich sein Spiel verändert. Pep Guardiola, Trainer von Barça und in den Augen vieler Experten der Beste seines Fachs, ein akribischer Tüftler, der sich vor Spielen oft Stunden in seinem Büro einschließt, hat ihn zu einem vollkommenen Spieler gemacht. Er hat ihn von seiner eigentlichen Position auf dem rechten Flügel ins Sturmzentrum versetzt, obwohl er mit einer Körpergröße von 1,69 Meter wahrlich kein geborener Stürmer ist. Doch bei Barcelona muss ein Stürmer kein großes, kopfballstarkes, stämmiges Muskelpaket sein, dessen Aufgabe es in erster Linie ist, Tore zu schießen. Bei Barça ist er Spielmacher, Ballverteiler, Dribbler, Torschütze und der erste Mann, der das Pressing auf den Gegner ausübt, in einem. Leo Messi hat diese neue Aufgabe, die ihm Guardiola gegeben hat, angenommen, und er meistert sie wie kein Zweiter.

Früher wirkte er ein Kind, dem man eine Waffe in die Hand gedrückt hat und das wie wild damit herumballerte. Heute geht er vorsichtiger mit seinem Talent um, er zielt er genau. Und trifft fast immer ins Schwarze.

Wenn er heute um viertel vor Neun im Champions-League-Viertelfinale gegen den Chelsea FC spielen wird, wird er wie immer seinem Instinkt folgen, wenn er den Ball bekommt. Er wird keine ausgeklügelten Spielzüge im Kopf haben, er wird nicht immer an die taktischen Vorgaben denken, die sein Trainer verordnet hat. Er ist kein Fußballverrückter wie sein Teamkollege und Freund Xavi, der stundenlang über Spielideen und Taktik brütet und sich Drittligaspiele im Fernsehen anschaut, weil es ihn wirklich interessiert. Messi denkt selten über Fußball nach. Aber er fühlt ihn, wenn er auf dem Feld steht. Er fühlt das Murmeln der Zuschauer, wenn er kurz vor der Strafraumkante den Ball bekommt, er fühlt, wie es sich in ein Raunen verwandelt, das immer mehr anschwillt und das Stadion ausfüllt, während er seine Gegner umspielt, er fühlt das innere Glück, wenn er den Ball mit dem Innenrist seines linken Fußes in Richtung Tor schickt. Und er fühlt das Lachen der Zuschauer, wenn der Ball hinter dem Torwart ins Netz einschlägt.

Artikelbildquelle: http://www.flickr.com/photos/ryusha/4709295589/

2 comments to Der schüchterne Scharfschütze

  • Lattenschuss  says:

    Hallo Bananenflanke. Wie ich finde ein super Schreibstil und interessante Fakten zu dem Spieler, über den man eigentlich alles weis. Jetzt erinnere ich mich auch wieder an das 50m Dribbling. Insgesamt ein sehr guter Artikel

  • Auswechslung  says:

    Ich muss Lattenschuss zustimmen. Dank des Schreibstiles ist der Artikel sehr gut zuesen und wird noch interessanter als er sowieso schon ist

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