Berauscht am eigenen Spiel

Road-to-Wembley-300x1473

Es würde ein großes Spiel werden, da waren sich alle sicher. Der Abend des Champions-League-Rückspiels zwischen Barcelona und dem AC Mailand stand an, und Barça hatte die Möglichkeit, das 0:2 aus dem Hinspiel zu drehen. Sie könnten Historisches schaffen, Geschichte schreiben, „den Mythos Barcelona wieder aufleben lassen“, schrieben die Zeitungen. Oder – und das stufte die Fachwelt als deutlich wahrscheinlicher ein –, oder Mailand würde die Sensation vollenden, den Vorsprung über die Zeit retten und Barça nicht nur tief in die Krise, sondern auch ein großes Stück weiter vom Thron stürzen.
Sie hatten schon in den vergangenen Wochen viel einstecken müssen. Im Achtelfinal-Hinspiel hatte sich das Team in einem ungewöhnlich schwachen Auftritt von einem enorm defensiven Mailand gnadenlos auskontern lassen. Sensation!, schrien die einen. Der Riese beginnt zu schwanken, murmelten die anderen. War die Zeit der katalanischen Dominanz nicht langsam vorbei, hatte das ewige Kurzpassspiel nicht seine Grenzen erreicht? Stagnierte die Entwicklung der Mannschaft unter Guardiolas Nachfolger Tito Vilanova, der seit einigen Wochen auch noch wegen einer Krebsoperation in Behandlung ist, nicht immer mehr? War diese Belastung, die das Team erfuhr, nicht auch psychisch zu groß? „Wir vermissen Tito sehr, es ist wie eine Firma ohne Chef. Aber wir werden die Situation meistern“, sagte Gerard Piqué tapfer. Doch eine Woche nach der Niederlage in Mailand folgte gegen Madrid, den Erzfeind, ein 1:3 und damit das Ausscheiden aus dem spanischen Pokal. Und als das nächste Spiel in der Liga – ausgerechnet erneut gegen Real – ebenfalls mit 1:2 verloren ging, wuchsen das branchenüblichen Gerede und die Panik der Presse zu einer gefährlichen Eigendynamik heran. „Die Mannschaft ist nur noch eine Ruine des einstigen Weltklasseteams“, schrieb die spanische Zeitung „El País“. Und die Stimmen wurden lauter und lauter. Mit dem Ausscheiden gegen Milan würde eine Ära zu Ende gehen, sagten sie. Die Mannschaft habe ihren Zenit überschritten, sagten sie. Nur die Spieler des FC Barcelona selbst schienen noch an sich zu glauben. „Wir haben viel Selbstvertrauen“, behauptete Leo Messi vor dem Spiel. „Wir stürmen bis zur letzten Sekunde“, kündigte Gerard Piqué an. Und Andrés Iniesta legte sogar seine Hand „dafür ins Feuer, dass wir die Qualifikation für das Viertelfinale schaffen“. Mit diesem unerschütterlichen Glauben an die eigene Stärke betraten sie das Spielfeld. Und was sich dann entstand, war eine magische Nacht.
Sie überrollten Mailand. Eine Angriffswelle nach der anderen bahnte sich unaufhaltsam ihren Weg Richtung Mailänder Tor, deren Verteidiger nur noch wie hilflose Steine in der Brandung wirkten. Nach einer Kombination, die so einfach und doch so unvermeidbar schien, bekam Leo Messi den Ball, umringt von fünf Italienern; er schaute auf, schoss, selten wirkte eine Bewegung natürlicher. Tor.
In diesem Moment werden die Ränge des Camp Nous von einem besonderen Geräusch ergriffen. Es ist die fünfte Spielminute, Barça führt schon jetzt mit 1:0, und die Magie liegt in der Luft. Ein Raunen entweicht den Zuschauern, breitet sich in kürzester Zeit aus, schwillt an und erfüllt nun das gesamte Stadion.
Und es verschwindet nicht mehr. Barça spielt weiter, Barça passt weiter, Barça berauscht sich wieder an seinem eigenen Spiel, als hätte es all die Kritiker nie gegeben. Leo Messi, David Villa und Jordi Alba treffen erneut, Barcelona schafft den Einzug ins Viertelfinale, und ein überglücklicher Andrés Iniesta sagt nach dem Spiel, dass er für seine Teamkollegen bis ans Ende der Welt gehen würde.
„Ohne unser Pressing, ohne den Hunger siegen zu wollen und ohne die Dynamik in der Offensive sind wir wie jedes andere Team“, hat Dani Alves vor einiger Zeit gesagt. Und ohne es wirklich bewusst verstanden zu haben, spürten die Spieler intuitiv, dass in den letzten Spielen etwas davon fehlte. Mit derselben Intuition gelang es ihnen auch, diesen Fehler wieder auszubügeln und zurück zur alten Stärke zu finden. Sie begannen bloß wieder spielen.
Und in diesen Momenten des Spiels, in denen nur wenige Berührungen die gesamte gegnerische Abwehr aushebeln, in denen der Ball den Fuß verlässt und sich ins Tor senkt, in denen das Raunen im Camp Nou kurz aussetzt und sich in ein Lachen verwandelt, in diesen Momenten  versteht man wieder einmal den Sinn dessen, was dort auf den Sitzen unter all den jubelnden Katalanen geschrieben steht. Später, als sich die erste Euphorie gelegt hat, erheben sich die Fans sich von ihren Sitzen, den Schal in der Hand, die Fäuste in Barcelonas Nachthimmel reckend, so stolz wie selten zuvor. Langsam verlassen die Massen den Bauch des Camp Nous, strömen hinaus auf die Straßen, wo sie weiterfeiern; und Stunden später, als sich die nächtliche Stille über das Stadion gelegt hat, die Tornetze abgehängt und der Rasen gesprengt sind, kann man den rot-blauen Schriftzug auf den Plastikschalen wieder lesen: Mes que un club. Und man versteht, warum Barça kein gewöhnlicher Verein ist, sondern eben „mehr als ein Club“: Weil seine Spieler in der Lage sind, Partien wie diese gegen Mailand zu spielen, und weil sie es schaffen, das Spiel selbst noch viel bemerkenswerter als das Ergebnis zu gestalten. Weil sie neben ihrem unerreichten Fähigkeiten am Ball auch charakterliche Züge besitzen, die im Fußball generell äußerst selten und in dieser Kombination einmalig sind. Und weil sie eine nicht zu bändigende Lust am Spiel besitzen, die zwar häufig schon angezweifelt, todgesagt und aberkannt wurde, die sie aber doch nie verloren haben.
All das lässt der Schriftzug seine Betrachter im leeren Stadion spüren. Und wer irgendwann zurückkehrt ins Camp Nou, vielleicht in einigen Wochen, vielleicht in Monaten oder in Jahren, der wird sich an Spiele wie dieses 4:0 gegen Milan erinnern. Und auch wenn Xavi, Iniesta und Messi dann längst Geschichte sind, wird die Einfachheit, die Schönheit und die Magie, mit der sie das Spiel gefüllt haben, erhalten bleiben.
Von diesen Dingen erzählt der Schriftzug dort auf den verlassenen Rängen, die noch immer angefüllt sind mit der Stille, die 90.000 Menschen hinterlassen. Für einen kurzen Moment kehren sie noch mal alle zurück, man glaubt ihr lachendes Raunen wieder zu hören. Und dann gehen plötzlich die Flutlichter aus, und das Mes que un club verschwindet in der Dunkelheit des spanischen Nachthimmels.

Leave a reply

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>