Jeszcze Polska nie zginęła

spookybine

Polen ist, gemeinsam mit der Ukraine, Ausrichter der am Freitag beginnenden Fußball-EM. Eine ganze Nation steht hinter der Mannschaft und hofft auf den ganz großen Coup. Denn anders als bei vergangenen Turnieren scheint Polen nun die individuelle Klasse zu haben, um für eine Überraschung zu sorgen. Nicht nur wegen des Heimvorteils und der vermeintlich leichten Vorrundengruppe, dürfte der ein oder andere Experte Polen als Geheimtipp auf dem Zettel haben. 

Der erste Vers der Nationalhymne mag wie eine Durchhalteparole klingen. Bei fast jedem großen Turnier, sofern man denn dabei ist, stützen sich die Fans auf den Satz, der übersetzt so viel heißt wie: “Noch ist Polen nicht verloren.” Blickt man auf die Geschichte der Nationalmannschaft zurück, lässt sich auch leicht erklären warum; so konnte sich Polen zwischen 1960 und 2008 nur ganze zweimal für die EM-Endrunde qualifizieren. Bei großen internationalen Turnieren sieht die Bilanz da deutlich besser aus, zwei dritte Plätze bei der Weltmeisterschaften 1974 und 1982, sowie ein Olympiasieg 1972 in München. Zu der Zeit galten die ‘Biało-Czerwoni’ als eines der besten Teams der Welt. Dass das in der heutigen Realität natürlicher deutlich anders aussieht, dürfte jemand klar sein, der sich auch nur im entferntesten für den Fußballsport interessiert.
Und trotzdem scheint Polens Mannschaft bei dieser EM eine deutlich größere Rolle spielen zu können als noch 2008, wo man bei der erst zweiten Teilnahme schon nach der Vorrunde die Segel streichen musste. Grund dafür ist einerseits der Heimvorteil, aber auch der noch junge, extrem talentierte Kader, mit Spielern, die überall in Europa unter Vertrag stehen und einem Meistertrio aus Dortmund.

Verteilt in Europas Top-Ligen

Dass die Rot-Weißen sich berechtigte Hoffnungen auf einen langen EM-Ritt machen dürfen, liegt an dem ausgeglichenen und individuell sehr interessanten, vor allem aber talentierten Kader. Die Leistungsträger sind in Europa verteilt oder spielen bei polnischen Top-Teams.
Wichtige Stütze der Mannschaft ist Torwart Wojciech Szczęsny, der als Stammtorhüter beim FC Arsenal unter Vertrag steht. Nach einer für ihn persönlich eher enttäuschenden Saison, möchte er bei der Europameisterschaft im eigenen Land sein ganzes Potential abrufen; gelingt ihm dies, kann er zu einem der besten Goalkeeper des Turniers avancieren.
In der Abwehr ragt vor allem Hüne Marcin Wasilewski heraus. Der 31-jährige Innenverteidiger des RSC Anderlecht besticht durch brachiale Spielweise; er ist eher ein Brecher als ein Spieleröffner. Trotz seines fehlenden Offensivspiels ist der ‘Robocop’ unersetzlich fürs polnische Spiel. Bekannt sein dürfte er hauptsächlich wegen eines doppelten Beinbruchs, den er sich nach einem extrem rüden Foul 30. August 2009 gegen Standard Lüttich zuzog.
Für die nötige Konstanz im Mittelfeld soll Dariusz Dudka sorgen. Mit 61 Länderspielen ist der defensive Mittelfeldspieler in Diensten des französischen Erstligisten Aj Auxerre der Erfahrenste im Kader. Zwar konnte er nie die in ihn gesteckten immens hohen Erwartungen füllen, doch scheint er mit nun 28 Jahren endgültig seinen Platz im polnischen System gefunden zu haben.

5 Legionäre

Boenisch, Polanski, Piszczek, Błaszczykowski, Lewandowski. Das sind die Namen der fünf polnischen Nationalspieler, die zurzeit bei einem Bundesligisten unter Vertrag stehen. Hierbei sind drei Leistungsträger einer Meistermannschaft und die Hoffnungen ganz Polens. Die beiden anderen sind irgendwie verlorene Talente des deutschen Fußballs mit polnischem Hintergrund, die sich irgendwann dafür entschieden, für das Nachbarland aufzulaufen.
Sebastian Boenisch zum Beispiel war 2009 noch Teil des deutschen U-21-Teams, um Manuel Neuer und Mesutz Özil, welches in dem Jahr den Europameistertitel gewann. Der Linksverteidiger war drauf und dran sich einen Platz im A-Kader zu erspielen. Dann kamen diverse Verletzungen, der Verlust des Stammplatzes in Bremen und die Entscheidungen für Polen zu spielen.
Eugen Polanski ist da so ein weiteres Beispiel. Lange Zeit Stammkraft der Junioren-Nationalmannschaften, sogar Kapitän der U-21. Er konnte sich jedoch nie wirklich in der Bundesliga durchsetzen, versuchte sich dann in Spanien bei Getafe und kam dann zum FSV Mainz 05 zurück, wo er zwar eine ernsthafte Rolle im System Thomas Tuchels einnimmt, das Wort ‘Nationalmannschaft’ jedoch nicht in einen Satz mit seinem Initialen gehört. Also entschied auch er sich, seiner osteuropäischen Wurzeln bewusst, das rot-weiße Trikot überzustreifen.
Folglich bleibt noch ‘Borussia-Polonia’. Polen kann sich wahrlich glücklich schätzen, die drei Ausnahmespieler aus dem Ruhrpott in ihren Reihen zu wissen. Sie sind nicht nur eingespielt und aufeinander abgestimmt, jeder einzelne von ihnen gehört ebenfalls zu ebenjener Sorte Spieler, die den so genannten ‘Unterschied’ ausmachen können.
Da wäre zum einen Lukas Piszczek, Rechtsverteidiger, der die vergangenen beiden Saisons bester Spieler der Liga auf seiner Position war. Der gelernte Stürmer ist allerdings nicht nur offensiv extrem gefährlich, auch defensiv offenbart er kaum Schwächen, seine Verbissenheit in Zweikämpfen sucht seinesgleichen vergeblich. Seine größte Stärke ist allerdings sein immenses Laufpensum, der Begriff ‘Pferdelunge’ scheint hier einer wohlgemeinten Untertreibung gleichzukommen. Hier besitzt Polen mitunter einen den besten des Turniers auf der Rechtsverteidigerposition.
Kapitän des Nationalteams ist Offensivspieler Jakub ‘Kuba’ Błaszczykowski. Eine enorme Antrittsschnelligkeit, starkes Tempodribbling, sowie ein gutes Spielverständnis sind seine Stärken. Der 26-jährige machte in der vergangen Saison die Verletzung Mario Götzes vergessen und verhalf dem BVB als Stammspieler auf der rechten Außenbahn zu der besten Rückrunde aller Zeiten. Błaszczykowski ist Polens Stratege im Mittelfeld, gleichzeitig Publikumsliebling und soll der Mannschaft zu neuem Glanz verhelfen.
Bleibt Robert Lewandowski. Der erst 23-jährige Mittelstürmer ist das vielleicht größte Offensivtalent im europäischen Vereinsfußball. Nicht erst seit seinem Dreierpack im Pokalfinale gegen den FCB, steht der Warschauer auf den Einkaufszetteln diverser Spitzenteams, insbesondere in England. Sein Spiel ist für einen Stürmer eher untypisch, erarbeitet er sich viele Bälle selbst im Mittelfeld. Für sein noch junges Alter besitzt er das komplette Spiel eines Vollblutstürmers, gepaart mit dem Körper eines Athleten. 22 Saisontore in der vergangenen Saison sprechen eine deutliche Sprache. Man darf sich freuen, auf den Auftritt eines der besten Stürmer des Turniers.

Große Erwartungen

Polen träumt, und Polen darf träumen. Schließlich sind die Aussichten so rosig wie schon sehr lange nicht mehr. Angesichts der Tatsache, dass man mit den Gegnern Russland, Tschechien und Griechenland vermeintliches Losglück hatte, wäre ein Aus in der Vorrunde eine riesige Enttäuschung für die Mannschaft, aber natürlich auch für die Fans. Sollte das Viertelfinale erreicht werden, könnte man dort auf ‘Brocken’ wie Deutschland, Portugal oder die Niederlande treffen. Dementsprechend sollten die Hoffnungen der Fans schon gebremst sein.
Egal wie Polen nun am Ende abschneidet, die Chance wieder einmal guten, aber vor allem attraktiven Fußball einer polnischen Nationalmannschaft zu sehen, ist so groß wie noch nie.

Bildnachweis:flickr.com spookybine

One comment to Jeszcze Polska nie zginęła

  • Dusty Slusher  says:

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