Immer einen Schritt weiter

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Ein oder zwei Tage vor einem Spiel verschwindet Josep Guardiola. Irgendwo im Keller des Camp Nou, tief unter den mächtigen Stadionmauern, betritt er einen kleinen Raum. Hier gibt es fast nichts, nicht einmal Fenster, bloß einige Notizblöcke und einen Computer. Für einige Stunden schließt sich Barças Trainer in diesen Keller ein. Und in dieser Zeit entsteht der beste Fußball der Welt.
Es sei der beste Teil seines Jobs, sagt Pep Guardiola. Hier unten, im Keller des FC Barcelona, erlebt er seine glücklichsten Momente als Coach. Er schaut sich DVDs mit den Spielen seiner Gegner an, er notiert genauestens, wie deren Spiel aufgebaut ist, all ihre Stärken und Schwächen: Welcher Verteidiger startet den Spielaufbau? Welcher Flügelspieler ist schneller? Auf welchem Raum üben sie besonders großen Druck aus? Über welche Seite stößt der Stoßstürmer meistens in den Strafraum?
Und dann gibt es diesen einen Moment, indem sich alles zusammenfügt. „Dann weiß ich plötzlich: Ich hab’s! Wenn wir so spielen, gewinnen wir. In diesem Moment bin ich als Trainer vollkommen erfüllt.“

Es sind diese kleinen Momente, die Pep Guardiola zu einem großen Trainer machen. Wenn alle anderen ein Tor seiner Mannschaft bejubeln, sei es eine genial herausgespielte, nicht zu verteidigende Ballstafette oder ein schneller, brillant abgeschlossener Konter, dann sieht Guardiola auf der Trainerbank nur die Bestätigung dessen, was er sich Tage zuvor im Keller ausgedacht hat.
„Es geht nicht darum, den Gegner zu schlagen, zu sagen, ‚wir haben euch besiegt!‘. Das denke ich nie. Ich konzentriere mich während eines Spiels nur darauf, ob das, was ich mir vorgestellt habe, auf dem Feld passiert. Wenn ja, bin ich als Trainer komplett erfüllt. Falls nicht, liegt es daran, dass ich irgendwo falsch lag. Dann muss ich den Grund finden und verstehen, warum die Dinge nicht wie geplant liefen.“
Diese Art mag fanatisch, sogar etwas besessen wirken. Doch für Guardiola ist es der einzige Weg, sein Ziel zu erreichen, seine Mission von einem perfekten Spiel wahrwerden zu lassen. Er ist ein Fußballverrückter, dessen Begeisterung für dieses Spiel keine Grenzen kennt. „Das einzige, was ich mir selbst zuschreibe, ist die Liebe zu meinem Job. Ich habe eine Leidenschaft für meine Arbeit. Ich liebe es, glaub mir. Ich liebe es, wenn ich trainiere, wenn ich darüber spreche, wenn ich mit Leuten über dies und das diskutiere.“

„Ich würde aus dem Fenster springen“

Diese Leidenschaft steckt an. Die Leute spüren sie, seine Vorgesetzten, die Fans, selbst die Sportjournalisten. Und vor allem die Spieler. Mithilfe dieser Leidenschaft gelingt es ihm, seinen Profis das Spiel nicht nur zu erklären, sondern sie dafür zu begeistern. Er weckt eine Lust bei ihnen, die Lionel Messi dazu bringt, hartnäckig Defensivarbeit zu verrichten, die Andres Iniesta immer weiter Pässe schlagen und Dani Alves unermüdlich die Außenlinie entlangjagen lässt. Seine Spieler vertrauen ihm bedingungslos. „Wenn Pep mir sagen würde, spring aus dem Fenster, würde ich es tun. Ich wäre mir sicher, dass bestimmt etwas Sinnvolles dahintersteckt“, sagt Dani Alves.
Als er noch Profi war, spielte er mit Brescia Calcio einmal in Piacenza. Sie spielten schlecht, zur Halbzeit lag die Mannschaft zurück. Auf dem Weg in die Kabine erklärte Guardiola seinen Teamkollegen, was sie ändern müssten. Als ihr Trainer davon erfuhr, war er außer sich. „Er schimpfte wie ein Rohrspatz“, sagt Markus Schopp, damaliger Mitspieler von Guardiola. Doch die Mannschaft gehorchte Anweisungen, sie änderte ihre Taktik. Und gewann.
Schon als Jugendspieler in La Masia, dem Nachwuchsinternat des FC Barcelona, sprang Guardiola auf den Tisch des Speisesaals und referierte über Taktik. Und nachts, so erzählt seine Frau Cristina, redet er im Schlaf vom Fußball. Es ist fast unmöglich für ihn, die Gedanken an das Spiel abzustellen. Dauernd scheint er den nächsten Coup, die nächste taktische Meisterleistung zu planen.

Immer einen Schritt weiter

Als Trainer des FC Barcelona gibt er seinen Spielern nicht nur vor, wie sie zu spielen haben – er erklärt ihnen auch ganz genau, warum. „Durch Pep kennen wir den Grund einer jeden Aktion“, sagt Xavi, mindestens genauso fußballverrückt wie sein Trainer. „Das Warum. Es gibt viele Mannschaften, die sehr gut spielen, aber nicht genau wissen, wieso. Wo alles eher zufällig passiert. Warum verteidigen wir bei Einwürfen so und nicht anders? Warum spielen wir Ecken kurz und nicht lang? Warum bewegen wir uns zu einer Seite, um den Spielzug auf der gegenüberliegenden zu beenden? Warum üben wir auf einem Raum von zehn Metern Druck aus, um den Ball zurückzuerobern? Pep erklärt uns das. Er ist dabei sehr didaktisch. Und er trifft den Nagel eigentlich immer total auf den Kopf. Der plant den ganzen Tag vor sich hin, seine Maschine läuft 24 Stunden. Und dann ist er allen anderen zwei Spielzüge voraus.“
Sowieso ist er immer bestrebt, schon einen Schritt weiter als alle anderen zu sein. Denn irgendwann würden einen die Gegner nicht nur durchschauen, sondern der dauerhafte Erfolg mache auch träge, glaubt Guardiola. Er hat verstanden, dass man als bestes Team der Welt keinen Moment innehalten darf. Und so tüftelt er ständig über neue taktische Errungenschaften, über Veränderungen, die seine Mannschaft ein Stück näher an die fußballerische Perfektion bringen.
Vor eineinhalb Jahren stellte er Messi, der eigentlich auf dem rechten Flügel zuhause ist, zum ersten Mal als mittlere Sturmspitze auf. Bei Ballbesitz des Gegners konnte er somit als erster Barcelonas aggressives Pressing auf den Gegner ausüben; war Barça jedoch am Ball, ließ er sich ins Mittelfeld zurückfallen lassen, um Überzahlsituationen herzustellen. „Da kann er dann den Ball berühren, ein-, zwei-, dreimal, und dann dreht er sich wieder um und startet einen Angriffszug“, beschreibt Xavi, der längst der verlängerte Arm Guardiolas ist. „Der Schlüssel zu allem ist die Überzahl.“
Die Überzahl ist auch der Grund, warum Pep Guardiola sein Team in letzter Zeit immer öfter mit nur drei Abwehrspielern aufs Feld schickte, was heutzutage eigentlich als altmodisch gilt. Mit der Drei-Mann-Abwehr jedoch hat Barça gleichzeitig auch einen Spieler mehr im Mittelfeld zur Verfügung. Dadurch kann die Mannschaft ihr gefürchtetes Pressing besser ausüben und viel früher als andere Mannschaften den Ball zurückgewinnen.
Mit diesen taktischen Nuancen, die von außen betrachtet kaum auffallen, schuf Pep Guardiola Stück für Stück die beste Mannschaft der Welt. Sein Team steht, mehr als jedes andere, für kompletten Fußball: Perfekte Ballbehandlung, wunderschön anmutende Spielzüge,  disziplinierte taktische Geschlossenheit, Mannschaftsgeist, Fairness. In jeder Minute auf dem Trainingsplatz will er seinen Spielern zeigen, was es bedeutet, für Barça spielen zu dürfen, und er ist überzeugt, dass er es ihnen vorleben muss, damit sie es komplett verstehen. Mit aller Ehrlichkeit, Begeisterung, Leidenschaft und Liebe zum Spiel, die er aufbringen kann.
Doch diese Intensität ist nicht nur die Grundlage aller Erfolge, sie erschöpft auch. Mit der Zeit wurde es immer schwieriger für ihn, die mit seinem Job verbundene Anstrengung zu ignorieren. Nach zwei Jahren bei Barça war sein ehemals volles Haar nicht nur vollständig ergraut, sondern auch fast verschwunden. Er wirkte schlagartig zehn Jahre älter. Dieser Druck, den er immer, schon als Spieler, gespürt hatte, ließ ihn jeweils nur Einjahresverträge abzuschließen. „Ich kann nicht langfristig planen, weiter als sechs Monate bis ein Jahr. Das ist unmöglich für mich.”

Nur die Wiederholung des Dagewesenen

Irgendwann konnte er die Abnutzung nicht mehr leugnen. Er versuchte offen damit umzugehen, sprach in der Presse darüber, „sobald ich das Feuer nicht mehr spüre, gehe ich zum Präsidenten, um mich zu verabschieden“. Doch er konnte die Wellen der Panik, die seine Rücktrittsgedanken ausgelöst hatten, nicht verhindern. Jede erschöpfte Geste, jeder müde Blick beschleunigte die Wellen, und so schwappten sie immer schneller durchs Land. Ein Jahr noch, dann sei Schluss, schreiben viele spanische Zeitungen. Aber wer soll dann weiter Erfolge mit Barça feiern?
Und genau das ist sein Problem. Seit er in seinem ersten Jahr bei Barça alle Titel gewann, steht er vor der größtmöglichen Herausforderung: Er kann diese Titel nur noch verteidigen. Egal wie gut, wie erfolgreich er mit seinem Team sein wird, es wird für alle nur die Bestätigung dessen sein, was sie sowieso schon wissen: Barcelona ist der beste Klub der Welt. Er ist zum Siegen verdammt.
Seit seinem ersten Jahr verfolgt ihn dieser Druck, egal wo er mit Barça vorspielt. Er ist wie ein Schatten, den auch die hellsten Flutlichter nicht verdrängen können. Und schon damals hatte er die Absurdität des Ganzen erkannt, schon damals wusste er: Was auch immer kommen mag, es ist nur die Wiederholung des schon Dagewesenen.
Im Oktober 2011 reifte die Erkenntnis in ihm, dass er eine Pause brauchte. Er teilte dem Präsidenten seine Entscheidung mit, seinen zum Saisonende auslaufenden Einjahresvertrag nicht zu verlängern. Im April, als Barcelona aus allen wichtigen Wettbewerben ausgeschieden war, rief er auch die Mannschaft zu sich. „Jungs, ich höre auf bei Barça.“ Seine eigene Intensität hatte ihn erschöpft.

Nicht leicht, aber weniger schmerzhaft

Umso bemerkenswerter ist es, dass Guardiola während seiner gesamten Zeit auf der schönsten und zugleich schrecklichsten Trainerbank der Welt seine Grundeinstellung zum Fußball nicht geändert hat. „Wir spielen ein Spiel. Natürlich haben wir es verdreht, zu einem Geschäft gemacht, viele Leute leben davon – aber am Ende dürfen wir trotzdem nicht vergessen, dass es ein Spiel ist. Du willst besser als ich sein, ich will besser als du sein. Ich habe meine Puzzlestücke und du deine, und wenn ich dich gut genug kenne, weiß ich, wie du sie benutzen wirst. Und dann plane ich damit.“ Er liebt dieses Spiel; er liebt es, sich in seinem Keller stundenlang DVDs anzugucken, er liebt es, darüber zu reden und sein Wissen an die Spieler weiterzugeben, sogar die Feindschaft mit seinem Erzrivalen José Mourinho liebt er irgendwie. Doch trotz allem nahm er seinen Beruf trotzdem nie zu ernst.
Das scheint es auch zu sein, was seinen Rücktritt verständlicher macht. Anderen Trainern wäre es schwergefallen, den besten Beruf der Fußballwelt einfach zu verlassen. In diesem Geschäft, in dem Trainer gefeuert werden wie Bankangestellte in Krisenzeiten, klammern sie sich umso mehr an ihren Job, als könnten sie so ein verfrühtes Ende vermeiden. Die meisten Trainer leben ständig mit der Angst, nach der nächsten Niederlage, beim nächsten Misserfolg entlassen zu werden. Pep Guardiola hat trotz all der Hektik nie die Essenz seines Berufs aus den Augen verloren: Wir spielen ein Spiel. Diese Erkenntnis macht ihm den Abschied zwar nicht leicht, aber wenigstens weniger schmerzhaft.
„Ich muss meinen Anschnallgurt nun ablegen, aber ihr alle werdet angeschnallt bleiben“, sagte er den Fans im randvoll gefüllten Camp Nou beim letzten Heimspiel. „Und ihr werdet eine großartige Zeit haben.“

Als Pep Guardiola seinen Abschied endgültig mitteilte, war fast die gesamte Mannschaft anwesend. Andrés Iniesta, Charles Puyol, Victor Valdes, Xavi – all die Weltstars saßen dort und beobachteten mit traurigen Augen die Pressekonferenz ihres Trainers. Nur Lionel Messi, sein Musterschüler, wollte bei der Pressekonferenz nicht anwesend sein. „Ich danke Pep von ganzem Herzen für alles, was er mir in meiner Karriere als Profi und auf persönlicher Ebene gegeben hat. Pep ist wichtiger für Barcelona als ich. Seit er angekommen ist, hat er alles für uns geändert. Er hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Wegen den Gefühlen, die ich empfinde, möchte ich lieber nicht anwesend sein. Denn ich weiß, dass die Presse die Trauer in den Gesichtern der Spieler sucht, und das ist etwas, was ich entschieden habe nicht zu zeigen.“ Er dankte ihm auf seine ganz persönliche Art: Im Stadtderby gegen Espanyol Barcelona schoss er am vorletzten Spieltag alle vier Tore. Nach dem letzten lief er zur Seitenlinie und umarmte seinen Trainer, und man konnte es ihm förmlich von den Lippen ablesen: „Gracias, Pep.“

Bildnachweis – flickr.com: nigerianewsnetwork

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