Mario Götze: Was am Ende bleibt

SpVgg Greuther Fürth - Borussia Dortmund, 13.04.2013,

Er hätte eine Dortmunder Legende werden können, werden sollen. Dann klopfte dieser eine Verein aus dem Süden Deutschlands an die Tür, und wie so viele vor ihm wird auch Mario Götze schwach. 20 Jahre jung, 37 Millionen Euro wert; das sind Zahlen die sich durchaus sehen lassen können. Für ihn persönlich, den Jungen, der in  der Dortmunder Jugendakademie aufwuchs, mag die Zukunft nun rosig erscheinen.  Und trotzdem sollte man sich fragen, was eines Tages von all dem bleiben wird und welche Auswirkungen dieser Transfer eigentlich hat. 

Biblische Vergleiche

Man muss kein gläubiger Christ sein, um zu wissen auf welche Art und Weise Jesus von Nazareth gestorben ist. Im Markusevangelium wird beschrieben, wie der jüdische Wanderprediger auf Befehl des römischen Präfekten Pontius Pilatus von römischen Soldaten gekreuzigt wird. Doch bevor das geschehen kann, muss Jesus an die Römer ausgeliefert werden. Im 14. Kapitel desselben Buches ist von Verrat die Rede. Jesus, dessen Predigten und extreme Popularität beim Volk den Römern schon länger ein Dorn im Auge sind, wird von einem seiner Jünger verraten. Und auch wenn man die Geschichte wirklich noch nie zuvor gehört haben sollte, dann wird man dem Namen dieses Jüngers wahrscheinlich doch schon ein Mal über den Weg gelaufen sein, wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Denn es ist ein Name, der jetzt auch wieder häufig genannt wird, direkt nach dem Wechsel Götzes zum FC Bayern. Die Rede ist von Judas.

Natürlich ist es falsch, einen 20-jähringen Fußballprofi mit dem wahrscheinlich größten Verräter der Menschheit zu vergleichen oder ihm sogar den selben Namen zu geben. Natürlich ist es falsch und unangebracht, hier überhaupt über die Bibel zu sprechen, geht es doch nur um Fußball, und Mario Götze hat ja niemanden an die Römer ausgeliefert und niemand soll am Ende hier gekreuzigt werden. Und doch ist es vielleicht der richtige Ansatz, um die Dinge, die sich in den letzten 48 Stunden im deutschen Fussball abgespielt haben, verarbeiten zu können. Wir sprechen von Borussia Dortmund; einem Verein aus dem Ruhrgebiet, wo Fußball fast schon den gleichen Stellenwert wie Religion eingenommen hat, wenn das nicht schon längst passiert ist. Und doch soll hier nichts überdramatisiert werden, schließlich ist der besagte Spieler ja nicht zum verhassten Nachbarn aus Gelsenkirchen gewechselt. Aber irgendwie scheint die Rivalität zwischen Dortmund und den Bayern in diesen Tagen ebenso ausgeprägt zu sein, wie die zwischen Schwarz-Gelb und Königsblau. Die letzten zwei Jahre, in denen Dortmund sich mit zwei Meisterschaften und einem Pokalsieg dazu aufmachte, langfristig zum ernsthaften Konkurrenten des FCB zu avancieren. All die Nickligkeiten in den deutschen Medien, all der Neid des Rekordmeisters und die Worte, denen die Bayern in Form von Transfers Taten Folgen ließen. Viele dachten, dass Dortmund nun wirklich Chancen hätte, sich dauerhaft an der Spitze des deutschen Fußballs zu etablieren. Und so bekam der BVB den Bayern ein Dorn im Auge. Und irgendwie scheint der Vergleich doch nicht mehr so weit hergeholt. Irgendwie kann man nun verstehen, warum im Dortmunder Lager von “Verrat” gesprochen wird. Die Fans in Dortmund wissen, wie es dem HSV ergangen ist, dem SV Werder Bremen, der TSG 1899 Hoffenheim, oder sogar dem Nachbarn aus Gelsenkirchen. Irgendwie kann man sie jetzt verstehen, die Fans des BVB.

Ich nehme das, was du hast 

Manuel  Neuer, Dante, Daniel Van Buyten, Luis Gustavo, Claudio Pizarro, Mario Gomez. Jene Spieler des FC Bayern sind es, die der Verein verpflichtet hat, mit dem primären Gedanken, den jeweilien Ligakonkurrenten entscheident zu schwächen. Nun darf Mario Götze zu dieser Liste an Spielern hinzugefügt werden, wahrscheinlich auch noch Robert Lewandowski. Der Plan der Bayern, den anderen deutschen Champions League Halbfinalisten nun genauso “auszuschalten”, wie so viele Vereine aus der Bundesliga zuvor, scheint Form anzunehmen. Der FC Bayern sieht das natürlich anders. In der sportlich womöglich erfolgreichsten Saison der Vereinsgeschichte, zumindest sieht es zum jetzigen Zeitpunkt stark danach aus, kann auch die Steueraffäre des Uli Hoeneß die ach so tolle Suppe nicht versalzen. Die Meisterschaft schon sicher, im DFB-Pokal im Finale, in der Champions League wahrscheinlich auch, nach dem Hinspiel Festival gegen den FC Barcelona. Zur neuen Saison kommt Pep Guardiola, und jetzt noch der Einkauf eines jungen deutschen Nationalspielers, der schon jetzt das Potential zum Weltstar besitzt. Für viele sieht es wieder so aus, wie es auch Jürgen Klopp beschrieben hat; als dass die Bundesliga eher schottischen Verhältnissen ähneln würde als spanischen.

Wenn er dann mal zurückblickt

Mario Götze hätte sich einreihen können bei den ganz Großen im Verein. Sie hätten ihn eines Tages in einem Atemzug genannt, mit Legenden wie Norbert Dickel, Michael Zorc oder, sehr wahrscheinlich auch, Sebastian Kehl. Er war schon jetzt Topverdiener dieser Spitzenmannschaft, eine der stärksten, die der Verein je gesehen hat. Fünf Millionen Euro im Jahr und das mit 20 – viele Studenten leben mit dem Alter noch zu Hause, nicht nur aufgrund von Geldsorgen. Jetzt bei Bayern wird er etwa zwei Millionen Euro mehr pro Jahr verdienen, doch sind es diese zwei Millionen wirklich wert zu wechseln? Angeblich soll Götze ja wechseln, weil er unbedingt mit Guardiola zusammenarbeiten möchte. Diese Chancen sollen ja nur ein Mal im Leben kommen, nicht wahr? Der Trainer, der den FC Barcelona zur besten Fußballmannschaft der Welt formte; wer würde sich das schon entgehen lassen. Für Mario Götze so scheint es, bei all dem Talent, ist dies genau der richtige Schritt in der Entwicklung. Doch was für eine Entwicklung plant der Jüngling für seine Zukunft? Will er Lionel Messi nacheifern und Weltfußballer des Jahres werden? Oder geht es für ihn darum, so viele Titel wie möglich zu sammeln in seiner Karriere? Vielleicht möchte er ja doch als Legende des Fußballsports in die Geschichtsbücher eingehen. Doch ist der FC Bayern München dann wirklich der richtige Schritt? Zu wenige Ex-Münchener bleiben tatsächlich in Erinnerung. Da wären Namen wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Mehemt Scholl, Jens Jeremies, Steffan Effenberg. Parallelen zu Götze sind so gut wie nicht erkennbar. Natürlich will er Publikumslieblings werden in der Allianz Arena. Doch geht das überhaupt? Bei der Anzahl an Spielern, die der Verein jede Saison holt, fällt es schwer für den durchschnittlichen Fan noch mitzukommen. Die Bayern gewinnen ja eh, wirkliche Identifikationsfiguren gibt es kaum.

Dem gegenüber steht Borussia Dortmund. Die besten Fans der Liga erinnern sich noch an schwere Zeiten ihrer Mannschaft. Als Meisterschaft und Pokalsieg Lichtjahre entfernt schienen. Als fast schon für die zweite Liga geplant werden musste. Und trotzdem gingen sie ins Stadion. 80.000 Menschen, alle zwei Wochen. Sie lieben ihre Helden. Spieler wie Sebastian Kehl, der sich in damals vor der Saison 2001/2002 für Borussia Dortmund und gegen den FC Bayern München entschied und seit dem das Trikot der Borussia trägt. Die Fans hatten gehofft, dass Mario Götze seine Wurzeln nicht vergessen würde und sich an das erinnern könnte, was er dem Verein zu verdanken hat. Aber wahrscheinlich ist Geld oder das Streben danach, erfolgreicher zu sein als jeder andere, in der heutigen Gesellschaft größer als andere. Vielleicht wird Mario Götze ein Mal zurückblicken, mit 35 oder 40, nachdem er seine Karriere beendet hat. Vielleicht wird er den Wechsel sorgen bereuen, weil er endlich verstanden worum es im Leben geht. Erfolg und Geld sind eine Sache, Ehre eine andere. Im Ruhrgebiet versteht man das eher als in München.

Borussia Dortmund hat nun das Spiel gegen Real Madrid vor der Brust. Vielleicht braucht die Borussia Götze um zu gewinnen, vielleicht braucht sie ihn nicht. Ich pflege keinen Hass gegen den Menschen Mario Götze, warum sollte ich auch. Trotzdem wäre ich gerne im Stadion gegen Madrid um als einer von 80.000 den Spieler Mario Götze auszupfeifen. Weil wir beim BVB verstanden haben, worauf es ankommt. Stolz, Ehre und Ehrlichkeit sind eben doch größer als Erfolg oder Geld, auch wenn ein 20-jähriges Jahunderttalent, dass gerade für 37 Millionen Euro zum besten Verein in Deutschland gewechselt ist, das vielleicht anders sieht. Ich hoffe für ihn, dass er eines Tages mal zu der Einsicht kommen wird, die die Fans bei Borussia Dortmund schon lange innehalten.

2 comments to Mario Götze: Was am Ende bleibt

  • Ben  says:

    Was für eine Anmaßung ist das denn bitte zu behaupten, dass nur Dortmunder “Stolz, Ehre und Ehrlichkeit” haben.

    “Doch was für eine Entwicklung plant der Jüngling für seine Zukunft? Will er Lionel Messi nacheifern und Weltfußballer des Jahres werden? Oder geht es für ihn darum, so viele Titel wie möglich zu sammeln in seiner Karriere? Vielleicht möchte er ja doch als Legende des Fußballsports in die Geschichtsbücher eingehen. Doch ist der FC Bayern München dann wirklich der richtige Schritt?”

    Ja! Ja! Ja! und Ja! auf alle Fragen. Das sind die Ziele eines jeden Profisportlers und natürlich hat er die besten Chancen dies bei Bayern zu verwirklichen.

    “Manuel Neuer, Dante, Daniel Van Buyten, Luis Gustavo, Claudio Pizarro, Mario Gomez. Jene Spieler des FC Bayern sind es, die der Verein verpflichtet hat, mit dem primären Gedanken, den jeweilien Ligakonkurrenten entscheident zu schwächen.”

    Stimmt sie sind ja nicht beständiger Teil der Mannschaft und Leistungsträger, die Bayern haben sie gekauft um sie sich auf die Bank zu setzen und nicht um das Team zu verstärken. Ganz anders zum Beispiel als Dortmund es mit einem Julian Schieber getan hat.

    Jetzt mal im Ernst, ich bin Dortmundfan aber dieser Tage schäme ich mich Teilweise dafür. Was vermeintliche Fans in der Causa Götze für einen Unsinn von sich geben ist für mich schwerlich zu ertragen.
    Auf gehts Jungs macht mich heute gegen Real wieder Stolz ein Dortmundfan zu sein

  • Ben  says:

    Last but not least:

    “Zu wenige Ex-Münchener bleiben tatsächlich in Erinnerung. Da wären Namen wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Mehemt Scholl, Jens Jeremies, Steffan Effenberg. Parallelen zu Götze sind so gut wie nicht erkennbar. Natürlich will er Publikumslieblings werden in der Allianz Arena. Doch geht das überhaupt? Bei der Anzahl an Spielern, die der Verein jede Saison holt, fällt es schwer für den durchschnittlichen Fan noch mitzukommen. Die Bayern gewinnen ja eh, wirkliche Identifikationsfiguren gibt es kaum.”

    Das ist doch schlichtweg nicht wahr. Check your facts! Erst einmal bin ich sicherlich nicht der einzige der bei Bayern auch an die Höneß-Brüder, Sepp Maier, Rumenigge, Breitner, Kahn, Matthäus, Babbel, Schwarzenbeck und und und denkt. Und das sind nur deutsche Spieler.
    Auch Lahm, Schweinsteiger und Müller sind schon jetzt große Spieler und natürlich identifikationsfiguren.
    Das Bayern mehr Spieler holt als andere Vereine wäre mir auch noch nicht aufgefallen und vor allem ist der Kern der Mannschaft seit Jahren zusammen (van Buyten, Badstuber, Lahm, Schweinsteiger, Kroos, Müller, Ribery, Robben und Gomez) sind ja nicht erst seit gestern bei den Bayern.

    Das sind einfach Dinge die man anerkennen muss, wenn man in einer solche Diskussion ernst genommen werden möchte. Wer nur emotional rum schreien möchte, der gehe an den Stammtisch oder in den Wald.

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