Shake That!

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Es gab einmal eine Zeit, da war ein Trainer mit seiner Werkself aus NRW drauf und dran, die bestehende Rangordnung im deutschen Fußball ordentlich durcheinander zu wirbeln. Unter seiner Leitung wurde der Club in 4 1/2 Jahren dreimal Vizemeister und einmal dritter; der Trainer selbst war zu ebenjener Zeit einer der gefragtesten Männer im Fußballgeschäft und auf dem Weg zum Bundestrainer. Doch dann kam der 20. Oktober des Jahres 2000 und mit ihm die Einsicht, “dass die Haaranalyse im Nachhinein doch ein Fehler war”. 

Der FC Brügge hat in dieser Saison ein fünfminütiges Video veröffentlicht, indem die Mannschaft beim Feiern zu beobachten ist, im Hintergrund läuft das Lied ‘Party Rock Anthem’ der amerikanischen Band ‘LMFAO’. Ziemlich genau bei Minute 3:52 sieht man den inzwischen zurückgetretenen Cheftrainer Christoph Daum, welcher, umringt von zwei Cheerleaderinnen des Vereins, auf eine unmusikalische und fast schon brachiale Art die zwei noch ausstehenden Wörter im Text “Shake that!” von sich gibt. Kultmoderator Arnd Zeigler bezeichnete diese kurze Sequenz in seiner Fußballsendung “Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs” im WDR spaßeshalber als “All-Time-Tiefpunkt des Trainerberufs”.
Ich wage stark zu bezweifeln, dass sich Daum davor oder danach wirklich Gedanken über die beiden englischen Wörter gemacht hat. Doch wenn man sich etwas länger damit auseinander setzt und Daums Trainerkarriere über die Jahre hinweg zumindest ein wenig verfolgt hat, dann kann es schon passieren, dass einem auffällt, dass der letzte Vers der Liedes ‘Party Rock Anthem’ den Werdegang des heute 58-jährigen ganz gut beschreibt.

“Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe.”

Es ist Herbst 2000 und ganz Fußball-Deutschland ist in heller Aufruhr nachdem Bayern-Manager Uli Hoeneß in einem Interview mit der Münchener Boulevard-Zeitschrift “Abendblatt” den Trainer von Bayer 04 Leverkusen, Christoph Daum, des Kokainkomsums beschuldigt hat. Immerhin handelt es sich bei Christoph Daum um den vielleicht größten Rivalen Uli Hoeneß, ein Trainer der nicht erst seit seinem Meistergewinn mit dem VfB Stuttgart im Jahr 1992 zu einer Art Koryphäe der Bayern-Gegner mutiert ist, schließlich sind es seine Teams, die den Münchenern über mehrere Saisons hinweg Paroli bieten können und die sie so ziemlich jeden Fußball-Fan in Deutschland, der eben nicht die Rot-Weißen aus dem Süden der Republik anfeuert, auf eine Wachablösung in der Bundesliga hoffen lassen.

Angefangen hat diese spezielle Beziehung zwischen Daum und dem FCB bereits zu Kölner Zeiten des Trainers, als er die Geißböcke Ende der 1980er Jahre wieder zu einem der Spitzenteams der Liga formte. 1989, kurz vor dem entscheidenden Spiel um die Meisterschaft zwischen dem FCB, zu der Zeit Tabellenführer, und dem 1.FC Köln, zu der Zeit Tabellenzweiter, lädt ‘Das aktuelle Sportstudio’ FC-Trainer Daum, Bayern-Coach Jupp Heynckes und Bayern-Manager Uli Hoeneß, sowie Udo Lattek als Studiogäste ein. Nachdem bereits zuvor über die Medien eine Art ‘Schlammschlacht’ zwischen Daum und Hoeneß entbrannt ist, kommt es in der Sendung dann zu einem Wortgefecht, welches Fußball-Deutschland so noch nie erlebt hat. Doch obwohl Daum sich sicher ist, dass seine Kölner am Ende auf dem ersten Platz der Tabelle stehen, muss er eine 1:3 Niederlage im Spitzenspiel und die Meisterfeierlichkeiten des FC Bayern hinnehmen. Die Rivalität zwischen Daum und Hoeneß nimmt unerwartete Ausmaße an. Der Köln-Trainer wird dann nach kurz vor der Weltmeisterschaft 1990 vom FC entlassen, ohne dass der Verein dafür eine plausible Erklärung abgibt. Was bleibt sind zwei Vizemeisterschaften und einmal der dritte Platz, die versprochene Meisterschaft holt Daum allerdings nicht in die Domstadt.
Im November des Jahres unterschreibt Christoph Daum dann in Stuttgart, dort holt er 1992, unter anderem mit Guido Buchwald und Matthias Sammer im Kader, seine erste und bisher einzige deutsche Meisterschaft. In der Winterpause der Saison 1993/94 wird Daum dann abermals entlassen, und obwohl er diverse Angebote aus der Bundesliga hat, entscheidet er sich für ein Intermezzo in der Türkei bei Besiktas Istanbul. Nach drei Titeln in zwei Jahren, darunter Daums erste türkische Meisterschaft, holt ihn Bayer Leverkusen 1996 zurück nach Deutschland, das wohl interessanteste Kapitel in der Geschichte des Rheinklubs beginnt. In seiner ersten Saison wird er gleichmal Vizemeister und die Werkself den großen Bayern ein Dorn im Auge. Leverkusen schafft es, sich an der Spitze zu etablieren. Für Chistoph Daum beginnt seine erfolgreichste Zeit in Deutschland.

Hoeneß Interview schlägt in Deutschland immense Wellen. Es ist immerhin der designierte Bundestrainer, den der Bayern-Manager da des Drogenkonsums bezichtigt, des weiteren wirft er dem DFB vor, dass er davon wissen und ihn trotzdem dieses Amt ausführen lasse. Was dann folgt ist auch der Grund, warum es nie zu einer Aussprache zwischen den beiden kommen wird. Daum wehrt sich mit allem was er hat er gegen diese Anschuldigungen. Er spricht von “Verleumdung”, davon, “dass jemand versuche, ihm seinen Ruf als Trainer zunichte zu machen”. Uli Hoeneß wird zum Feindsymbol der Republik, er erhält fast täglich Morddrohungen. Daum entschließt sich, auch aufgrund des Drucks der Medien, eine Haarprobe durchführen zu lassen, er will Hoeneß endgültig besiegen. Auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz spricht der Trainer von Leverkusen dann den bis heute legendären Satz: “Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe”. Das Resultat dieser Haarprobe sieht jedoch anders aus, das Institut für Rechtsmedizin Köln misst den bis dato höchsten Wert im Bereich Kokainkonsum. Damit hätte wohl niemand in Deutschland gerechnet, es ist der größte Skandal im deutschen Fußball. Bayer 04 Leverkusen entlässt daraufhin Christoph Daum, der sich erst ein mal 2 1/2 Monate in den USA aufhält, bevor er am 12.Januar 2001 zurück in Deutschland den Konsum von Kokain zugibt.

Fuß fassen

Daum war und ist bis heute, da gibt es keine zwei Meinungen, einer der talentiertesten deutschen Fußballtrainer. Dass dies heute kaum noch jemanden in Deutschland bewusst ist, liegt einerseits daran, dass die Zeit, in der Daum sein enormes Potential als Trainer in der Bundesliga abrufen konnte, mehr als zehn Jahre zurückliegt. Des weiteren wirft natürlich die Kokain-Affäre einen recht großen Schatten auf Daums erfolgreiche Trainerlaufbahn. Ein Meistertitel in der deutschen, einer in der österreichischen, sowie drei in der türkischen Liga, dazu jeweils ein Pokalsieg in Österreich und der Türkei, sprechen eine deutliche Sprache. 5 1/2 Jahre nachdem er von Bayer Leverkusen entlassen wurde, versuchte Daum erneut in Deutschland Fuß zu fassen. Der damalige Zweitligist 1.FC Köln verpflichtete ihn am 26. November 2007 für eine zweite Amtszeit am Rhein. Mit dem FC gelang Daum 2008 dann der Aufstieg in die 1. Bundesliga, bevor er ein Jahr später überraschend seinen Rücktritt bekannt gab. Nach einem weiteren Engagement bei Fenerbace Istanbul wurde Daum im März 2011 von der abstiegsbedrohten Eintracht aus Frankfurt als ‘Retter’ verpflichtet. Ihm gelang es allerdings nicht, die Klasse zu halten, weswegen er sich dazu entschloss seinen Rücktritt bekannt zu geben. Seit November letzten Jahres betreute er dann noch den FC Brügge, seit Mai ist er arbeitslos.

Es mag schon sein, dass Christoph Daum, aufgrund seiner Vergangenheit, nicht auf jeder Bundesliga-Trainerbank gerne gesehen wird. Doch der ein oder andere Verein sollte sich bei der Trainersuche den Namen des studierten Sportwissenschaftlers mal durch denk Kopf gehen lassen. Schließlich ist es nicht nur sein extrovertierter Umgang mit der Presse, sondern auch seine extrem hohe Fußballkompetenz, die ihm eine Art Legendenstatus im deutschen Fußball beschert haben. Ich bin jedenfalls nicht der einzige, der sich darüber freuen würde, wenn Christoph Daum in Interviews wieder mit lebenswichtigen Zitaten glänzen könnte.

Bildnachweis: flickr.com: Fotoblitz1

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