“Nie und nimmer”

Deutscher Meister mit einem neuen Punkterekord von 81 Deutscher Meister Zählern, Pokalsieger nach einem 5:2 über Ligaprimus Bayern München, 17 Punkte vorm Reviernachbarn aus Gelsenkirchen; die national erfolgreichste Saison in der 103 Jahre andauernden Geschichte von Borussia Dortmund ist zu Ende und zur Zeit macht es wirklich Spaß Anhänger des Vereins zu sein. Gestern Abend konnte sich auch Dieter Hecking, Trainer des 1.FC Nürnberg, ein Bild von der Stärke der Borussen machen, hatte er doch im Vorfeld der Partie noch prognostiziert, dass sich die Bayern “nie und nimmer” fünfmal in Folge von Dortmund schlagen lassen würden. Doch das das erste aus Meisterschaft und Pokal bestehende ‘Double’ in der Vereinsgeschichte vom BVB etwas ganz besonderes war, lag auch daran, wie sich die Spieler in den schwarz-gelben Trikots über 90 Minuten im Berliner Olympiastadion präsentiert hatten. Derart deklassiert wurde der FC Bayern zuletzt am 04. April 2009, beim 1:5 gegen den späteren Meister Vfl Wolfsburg, der Unterschied zu dem Spiel gestern lag aber wohl an der Situation der Bayern damals, Jürgen Klinsmann stand als Trainer schon länger in der Kritik, das 0:4 gegen Barcelona und das Aus im Championsleague-Viertelfinale waren Tiefpunkte. In dieser Saison hatte der FCB mit 73 Punkten sechs Zähler mehr als damals auf dem Konto, welche in einer ‘normalen’ Saison eigentlich auch zum Titelgewinn reichen sollten, das DFB-Pokalfinale, sowie das Championsleague-Finale konnten erreicht werden und trotz Platz 2 in der Liga trotzten Spieler und Vorstand vor Selbstbewusstsein.
Der neutrale Beobachter musste feststellen, dass die Jungs aus dem Ruhrpott diese Saison schlichtweg besser waren als der Rekordmeister. Dortmund spielte spritziger, schneller und wirkte mental irgendwie auch fitter, jeder Fehler der fast schon ängstlich aufspielenden Münchenern wurde eiskalt bestraft. Rückschläge, wie die Verletzung Roman Weidenfellers und der zwischenzeitliche Anschlusstreffer durch Arjen Robben, wurden weggesteckt und spätestens ab dem 3:1 durch den überragend aufspielenden polnischen Nationalspieler Robert Lewandowski, war es eine Freude für jeden Bayern-Gegner, wenn das Fernsehbild die Gesichter der Bayern-Bosse auf der Ehrentribüne einfing. Insbesondere die Nationalspieler Kroos, Boateng, Badstuber und Neuer erwischten einen schwarzen Tag, und obwohl es falsch wäre, die Niederlage an den vier Spieler festzumachen, bleibt zu hoffen, dass sie bis zum nächsten Samstag ihre starke Form der Saison wiedergefunden haben.

Beste Saison aller Zeiten 

Dass die Borussia von 2011/12 einen Ehrenplatz in den Annalen des Vereins einnehmen wird, war schon vor dem Gipfeltreffen im Berliner Olympiastadion mehr als klar. Die achte Meisterschaft mit der höchsten, jemals erzielten Punktzahl, es gibt niemanden, der das vor der Saison erwartet hatte. Zu groß schien die Lücke im zentralen Mittelfeld, die Nuri Sahin mit seinem Wechsel nach Madrid hinterlassen hatte. Ilkay Gündogan wurde verpflichtet, er sollte diese Lücke füllen, dies gelang ihm zu Saisonbeginn überhaupt nicht, statt Stammplatz im Mittelfeld, rotierte der 21-jährige Nationalspieler an Spieltagen zwischen Kaderplatz und Wohnzimmercouch. Anlaufprobleme hatte auch Ivan Perišić, Neuverpflichtung aus Brügge, beide mussten sich erst ein mal in Jürgen Klopps Spielphilosophie reinfinden, das hohe Tempo waren beide nicht gewohnt.
Zwischenzeitlich hatte der BVB acht Punkte Rückstand auf die Bayern, statt wie erhofft die glorreichen Zeiten aus den Neunzigern wiederzubeleben, rechneten viele Fans mit einer Saison im Mittelfeld, irgendwo zwischen Abstiegskampf und Euroleague. Ungewohnt im Vergleich zu letzter Saison war unter anderem die Niederlage in Hannover als eine 1:0 Führung vier Minuten vor Schluss noch aus der Hand gegeben und das Spiel 1:2 verloren wurde. Doch dann geschah genau das, was sich Fans und Umfeld gewünscht hatten. Während man in der Championsleague sang- und klanglos als  Gruppenletzter ausschied und damit auch die Europaleague verpasste, zeigte die Borussia in der Liga und im Pokal den Vollgasfußballvon letzter Saison. Die Rückrunde avancierte dabei zu dem stärksten, was ich im letzten Jahrzehnt je von einer deutschen Mannschaft gesehen habe. 47 von möglichen 51 Punkten wurden geholt, dabei kein einziges Mal verloren, Bayern, Schalke und Gladbach allesamt eindrucksvoll geschlagen. Das 4:4 gegen den VfB Stuttgart war das spannendste und emotionalste Spiel der Saison und wurde von der gesamten Liga als ‘Werbung für den deutschen Fußball’ aufgenommen. Der BVB zeigte trotz Psychospielen der Konkurrenz keine Schwächen und stand vorzeitig als deutscher Fußballmeister fest. Noch nie hat die Borussia so dominant und vor allem so gut Fußball gespielt. Die Saison 2011/12 war die beste in der Vereinsgeschichte, trotz Gewinn der Championsleague und des Weltpokals 1997. Jürgen Klopp hat etwas geschaffen, was niemand bei seinem Amtsantritt 2008 auch nur in den kühnsten Träumen erwarten konnte.

Rosige Aussichten

Auch wenn die Wechselabsichten des Japaners Shinji Kagawadie Stimmung vielleicht etwas trüben mögen, die Aussichten auf die Zukunft dürften jeden BVB-Fan träumen lassen. Denn selbst wenn die Nummer 23 den Verein wirklich Richtung England (Manchester United) verlässt, so steht mit Marco Reus eines der größten deutschen Talente in den Startlöchern, der bereits bei Gladbach bewiesen hat, welch enormes Potential in ihm steckt. Dazu konnte der Vertrag mit Jungstar Mario Götze verlängert werden, Ausnahmestürmer Robert Lewandowski bleibt ebenfalls im Pott, hier laufen die Verhandlungsverhandlung über die übernächste Saison hinaus noch. Bei all dem Potential und dem Talent, welches in der Mannschaft steckt, wäre das Verpassen des Achtelfinals in der Championsleague, trotz der fehlenden Erfahrung, eine Enttäuschung. Auch in der Liga können Klopp und Co. wohl kaum weiterhin versuchen sich die Favoritenrolle von der Seele zu reden, egal wie unrealistisch es auch erscheinen mag, dass der Deutsche Meister das dritte Jahr in Folge nicht Bayern München heißt.

Die Mannschaft dürfte in jeden Fall wieder heiß sein auf die Spielzeit 2012/13, genauso wie der FCB, der sich nicht ein sechstes Mal in Folge schlagen lassen wollen wird, von ‘nie und nimmer’, darf nach dem Spiel gestern allerdings keine Rede mehr sein. Die Nummer 1 in Deutschland kommt zur Zeit nicht aus Bayern, sondern aus dem Ruhrgebiet, damit wird man sich abfinden müssen.

Bildnachweis: flickr: Catatan Bola Photo Gallery, thomaskolb /// artdirection /// design

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