Jos Luhukay: Philosophie der Gegenpole

Luhukay

Es ist schwer bei Jos Luhukay eine Gefühlsregung zu entdecken. Er wirkt nett und sympathisch, zugleich aber auch nachdenklich und introvertiert. Wie ein Pokerspieler, der sein gutes Blatt nicht verraten möchte, bewegt er sich durchs Leben. Luhukay ist kein Mann mit großen Emotionen. Er sucht stets die Nähe zu seinen Spielern, setzt aber auf knallharte Regeln. Wie zwei gegensätzliche Pole führt er eine Mannschaft -  bisher hat er immer das Gleichgewicht gefunden. Bei seinem letzten Verein FC Augsburg gab man ihm den Spitznamen “der kleine Diktator”. Kommt ein Spieler vor einem Spiel eine Minute zu spät zum Frühstück, spielt er nicht. Sein Landsmann Louis van Gaal sagte einmal über Luhukay: “Eigentlich ist Jos wie ich”. Doch im Gegensatz zu van Gaal, geht Luhukay auf seine Spieler zu und baut ein kollegiales Verhältnis zu ihnen auf. Es entwickelt sich innerhalb des Teams ein starker Teamgeist, der bei Luhukays Mannschaften auf dem Platz zu sehen ist. Das ist Luhukays Konzept: das Gleichgewicht finden, zwischen Plus und Minus Pol.

Er ist wegen seiner Konsequenz sehr auf die Rückendeckung seiner Verantwortlichen angewiesen, da sie jede noch so kleine Entscheidung absegnen müssen. Sie dürfen Luhukay nicht in sein gut durchdachtes Konzept reden oder es ändern, ohne es mit Luhukay besprochen zu haben. Bei seinen Vereinen SC Paderborn und FC Augsburg ist dieser Fall aufgetreten und er hat seinen Vertrag wieder zurückgegeben. Dabei verzichtete er in beiden Fällen auf das ausstehende Gehalt, wieder ein Unterschied zu Louis van Gaal, der derzeit immer noch am FC Bayern München mitverdient. Sie ähneln sich dann doch mehr, in der gemeinsamen Spielphilosophie. Beide sind darauf bedacht das Spiel zu kontrollieren und attraktiven Offensivfußball zu spielen. Der Coach war in seiner Spielerlaufbahn ein klassischer “Zehner” und hat daher ein Faible für die Offensive. Der Niederländer gilt in der Fußball-Branche als anerkannter Fachmann und weiß natürlich, dass Fußball  auch Ergebnissport ist: “Ziel ist es, eine Mannschaft so spielen zu lassen, dass die Menschen Freude daran haben. Wenn das mit Erfolg einhergeht, ist es perfekt. Der Tabellenplatz sagt alles über die Qualität einer Mannschaft”.

Von Straelen bis in die Bundesliga

1998 beendete Jos Luhukay seine Karriere als Spieler bei SV 19 Straelen. Schon eine Monat später wurde er bei der gleichen Mannschaft Cheftrainer. Zwei Jahre später wechselte er zu KFC Uerdingen 05, ebenfalls ein ehemaliger Verein von Luhukay. Uerdingen spielte damals in der Regionalliga Nord, doch die Mannschaft sollte in einem anderen Wettbewerb für Furore sorgen. Im DFB-Pokal konnte man zuerst Energie Cottbus und in der nächsten Runde Werder Bremen besiegen. Das waren Luhukays ersten Erfolge als Trainer. Letztendlich schied das Team gegen den 1. FC Köln aus, zudem Luhukay dann in der nächsten Saison wechselte. Bei Köln war er bis 2005 Co-Trainer an der Seite von Friedhelm Funkel, Marcel Koller und Huub Stevens. Jos Luhukay konnte zum ersten Mal Bundesligaluft schnuppern. “Man nimmt von allen Menschen, mit denen man eng zusammenarbeitet, etwas mit. Ich möchte da keinen hervorheben”, sagte der 48-Jährige in einem Interview zu seinen Cheftrainern. Im Sommer 2005 wechselte er dann zum SC Paderborn in die 2. Liga. Als Cheftrainer brachte er der Mannschaft seinen gewünschten Offensivfußball bei. Spieler wie Tom Starke, Markus Bollmann, Roel Brouwers, Daniel Brinkmann, Marcel Ndjeng und Albert Bunjaku belegte er sensationell den 9. Tabellenplatz. In Ostwestfalen war dann nach einem erfolgreichen Jahr trotzdem Schluss, weil der damalige Präsident hinter Luhukays Rücken mit Spielern verhandelte. Jos Luhukay gab zum ersten Mal in seiner Karriere seinen Vertrag zurück.

Aufstiege mit Borussia Mönchengladbach und FC Augsburg

Am 2. Januar wurde er Co-Trainer von Borussia Mönchengladbach. Die Borussia stand mit 13 Pflichtspielen ohne Sieg auf dem 16.-Tabellenplatz. Deswegen wurde schon gemunkelt, dass er als neuer Nachfolger Heynckes verpflichtet wurde. 29 Tage später kündigte Jupp Heynckes. Es wurde bekannt, dass Jupp Heynckes Morddrohungen erhalten haben soll. Jos Luhukay konnte den Abwärtstrend nicht mehr stoppen und Mönchengladbach stieg in die zweite Liga ab. Doch der Niederländer blieb im Amt. Er sortierte Spieler wie Wesley Sonck aus, da sie nicht in sein Konzept passten. Vorrausgegangen waren Unstimmigkeiten bezüglich Luhukays strengen Regeln. Doch auch in der zweiten Liga lief es nicht besser und Luhukays Job stand auf der Kippe. Man konnte aus den ersten drei Ligaspielen nur zwei Punkte holen, doch der Holländer hielt an seinem Konzept fest. “Wir wussten, dass wir am Anfang noch Schwierigkeiten haben würden und haben uns von den Ergebnissen der ersten Spiele nicht verrückt machen lassen.” Mit sechs Punkten Vorsprung auf TSG Hoffenheim und einem Torverhältnis von +33 schaffte man sehr souverän den direkten Wiederaufstieg. Voller Vorfreude auf die neue Saison investierte man als Aufsteiger elf Millionen in neue Spieler. Doch die Mannschaft verlor sechs der ersten sieben Spiele und Jos Luhukay wurde entlassen. Im April 2009 wurde er Trainer vom FC Augsburg. Er übernahm eine Mannschaft die kurz vor dem Absturz in die dritte Liga stand. Aber mit attraktivem Offensivspiel entwickelte sich Augsburg zu einem echten Aufstiegskandidat und landete am Ende der Saison auf dem Relegationsplatz. Jedoch verlor man in beiden Spielen gegen den Erstligisten Nürnberg und so musste man nächstes Jahr wieder in Liga zwei antreten. Hier wurde ihm die Relegation zum Verhängnis, doch sie rettete ihm schon einmal sein Leben. 1989 war Luhukay noch Trainer von VVV Venlo. Damals musste er ebenfalls in der Relegation rann und konnte deswegen nicht wie geplant mit seinen Mannschaftskollegen der “Kleurrijk Elftal”, allesamt Fußballer aus den früheren niederländischen Kolonien, auf Welttournee gehen. Bei einer Bruchlandung in der Hauptstadt Surinams kamen 179 Menschen ums Leben. Für Jos Luhukay ein Schicksalsschlag den er nie wieder vergessen wird. Dem Münchener Merkur sagte er: “Nach dem Absturz hat es lange gedauert, bis ich wieder in ein Flugzeug steigen konnte. Ich hatte Angst vor der Ausweglosigkeit”.
Vor der Saison war Augsburg nicht ausweglos, die Mannschaft wurde sogar als Geheimfavorit für den Aufstieg gehandelt. Und tatsächlich: Augsburg gelang hinter Hertha BSC ein bisschen überraschend der direkte Aufstieg in Deutschlands Oberhaus. Anstatt, wie in Mönchengladbach, viel in die Mannschaft zu investieren, setzte der Coach auf seine Aufstiegshelden und ablösefreie Spieler. So stand mit einem sehr großen Kader, in dem es keine Stars gab, zum Ersten Mal in der ersten Bundesliga. Der FC Augsburg wurde von jedem Experten oder Buchmacher als Absteiger Nummer eins gehandelt. Am Anfang sah es auch so aus, dass es bei einem Intermezzo in der Bundesliga bleiben würde. Doch mit einem großen Leistungsschub konnte man auch über den Teamgeist sensationell den 14. Tabellenplatz belegen.

Luhukay passt mit seinem Konzept sehr gut zu Hertha BSC

Doch der 48-Jährige gab zum zweiten Mal seinen Vertrag zurück. Bis jetzt kann nur vermutet werden, dass er mit den Personalentscheidungen um den Managerposten nicht zufrieden war oder doch in der Hauptstadt das größere Potenzial gesehen hat. Im Wirbel um das Relegationsspiel Hertha BSC gegen Fortuna Düsseldorf ging die Personiale Jos Luhukay ein bisschen unter. Noch ist es nicht endgültig entschieden, ob er im nächsten Jahr in der ersten oder zweiten Liga coachen wird, doch es wird wohl auf die 2. Liga hinauslaufen. Für Hertha ist es ein echter Glücksgriff. Mit seiner gelassen Art könnte er Ruhe in den Chaotischen Verein bringen. Außerdem ist er ein Trainer mit Aufstiegserfahrung, aber er hat auch Erfahrung mit dem Klassenerhalt. Zudem könnte er dem nicht ganz umstrittenen Michael Preetz bei der Zusammenstellung der Mannschaft helfen. Von Luhukay stammt der Satz: “Eine Mannschaft wird einfach aus Gefühl, der Menschenkenntnis und der sportlichen Qualität zusammen gestellt.” Jos Luhukay möchte zum dritten Mal in seiner Karriere in die Bundesliga aufsteigen und dabei ist es ihm egal, was bei Hertha in der Vergangenheit geschah: “Wenn ich am 24. Juni bei Hertha anfange, schaue ich nicht zurück. Ich kann nicht beurteilen, was in der Vergangenheit passiert ist. Ich schaue nach vorne.” Es wird sich zeigen was die Zukunft bringt. “Erfolg braucht ein Konzept” ist sein Motto und das Konzept von Luhukay würde sehr gut zu Hertha passen.

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