Italien-Deutschland: Die Analyse

Zoltán Wiesner

Ein paar Tage nach der enttäuschenden 2:1 Niederlage gegen Italien kann man wieder einigermaßen Euphorie gebremster oder emotionsloser auf die Partie zurück blicken und sie analysieren. Zu groß war die Enttäuschung über das Auftreten der deutschen Nationalmannschaft. Waren es wirklich die Personalentscheidungen von Joachim Löw, die Schuld für das Ausscheiden im Halbfinale waren, oder die fehlende Einstellung diverser Spieler? Fehlte einfach die nötige Fitness nach einer langen Saison, oder waren die Italiener einfach besser. Viele Möglichkeiten und doch tragen alle einen Teil dazu bei, dass es dieses Jahr wieder einmal nicht zu einem Titel reichte.

Joachim Löws Personalentscheidungen

Hat sich unser Bundestrainer verzockt? Im Sir Alex Ferguson Stil wechselte Löw die Siegermannschaft vom Viertelfinale aus. So kommt natürlich die Diskussion auf, ob er alleine an der Niederlage gegen die Italiener verantwortlich gewesen wäre. Mit Toni Kroos wollte er einen weiteren Zentralen Mittelfeldspieler bringen, um das italienische Mittelfeld, bestehend aus vier zentralen Mittelfeldspielern, besser bearbeiten zu können. Doch selbst mit Özil und Kroos konnte man das starke Mittelfeld mit Pirlo und de Rossi nicht kontrollieren. Aufgrund dieser Umstellungen entstanden auf der deutschen rechten Seite immer wieder Freiräume, die man besser hätte nutzen müssen. Jêrome Boateng ist kein ausgewiesener Offensivspezialist, weswegen jede Offensivbemühung über rechts im Nirgendwo endete. Die italienische Mannschaft stellte klug zu und so blieb Boateng nur noch die Möglichkeit zu flanken. Dort stand Mario Gomez, eine weitere umstrittene Personalentscheidung, auf Höhe des Sechszehners, und verlor jedes Kopfballduell. Keine Frage, Mario Gomez ist ein Weltklasse Stürmer. Doch passt er wirklich besser in Joachim Löws System als Miroslav Klose? Klose wäre vielleicht die bessere Option gewesen, da gegen die gut stehenden Italiener eine Anspielstation mehr gewesen wäre. Boateng hätte nicht jedes Mal den Ball in die Mitte hauen müssen, sondern hätte mit Klose kombinieren können. Hier würde wieder die Diskussion aufkommen, ob dann nicht Thomas Müller oder Marco Reus für das Kombinieren gegen die groß gewachsene Italienische Verteidigung besser gewesen wäre.
Auch Lukas Podolski sorgte mit seiner Leistung für Diskussionsbedarf. Viele Beobachter hätten sich André Schürrle, Mario Götze oder Marco Reus auf dessen Position gewünscht. Lukas Podolski konnte seine Erwartungen nicht erfüllen und wurde wegen seiner schlechten Leistung zur Halbzeit ausgewechselt. Man muss aber auch infrage stellen, ob einer der drei Spieler Podolski hätte ersetzen können, spielte fast die ganze Mannschaft unter ihren Möglichkeiten.
Über den Trainer kann man nach einem verlorenen Spiel immer meckern. Doch man sollte konstruktiv bleiben und auch beachten, dass nicht irgendwelche Amateure auf dem Platz standen, sondern Spieler mit unumstrittener Qualität. Doch weil solche Spieler ihre Qualitäten nicht abrufen konnten oder allein die Qualität nicht reicht, kann man den nächsten Punkt betrachten

Die Einstellung der Mannschaft

Schon bei der Nationalhymne konnte man in den Gesichtern der Spieler erkennen, wer unbedingt gewinnen möchte und bedingungslos in jeden Zweikampf geht. Die Italiener sangen alle lautstark mit und wirkten konzentriert, fokussiert sowie motiviert. Als die Kamera die deutschen Spieler einfing, musste man sich echt fragen, was sie in den nächsten neunzig Minuten tun wollten. Stand etwa ein Fototermin auf dem Tagesplan, wo man immer ein bisschen neutral gucken muss, oder bestritten diese Spieler ein EM-Halbfinale? Man sah Gesichter mit Respekt, Angst und Zweifel; lediglich bei Mats Hummels konnte man erkennen: Der will dieses Spiel unbedingt gewinnen! Ähnliches spielte sich ja schon im Finale der Championsleague ab, als die Bayern nicht genug Spieler für das Elfmeterschießen zusammen bekamen, bis Manuel Neuer aus der Not gedrungen schießen musste. Die Chelsea Spieler um Terry und Cole, knallten die Bälle in die Maschen des Tores, während Bastian Schweinsteiger zum Beispiel den Ball mit der Innenseite auf das Tor schob. Die Spieler des FC Bayern München hatten einfach Angst sich der Verantwortung zu stellen. In der Nationalmannschaft sind genug Bayern München Spieler, um dieses Elfmeterschießen als Vergleich zu nehmen. Diese Einstellung übertrug sich dann auf das gesamte Spiel. Phillip Lahm spielte jeden Ball nach hinten, bei Holger Badstuber vermisste man seine vertikalen Bälle im Spielaufbau, Jêrome Boateng wartete lieber auf den Ball, anstatt ihm energisch entgegen zu gehen, Toni Kroos und Bastian Schweinsteigers Aktionen wirkten langsam und berechenbar, und Mario Gomez trabte vorne dem Ball hinterher. Es gab nur einen Spieler, der im Spiel mal ein deutliches Zeichen setzte. Miroslav Klose rannte in bekannter Manier einem Gegenspieler hinterher und holte sich den Ball mit einer Grätsche am Mittelkreis. Doch anstatt sich gegenseitig zu pushen, gab man das Spiel nach 80 Minuten verloren. Über die Mentalität dieser Mannschaft muss man sich ernsthaft Gedanken machen, sonst funktioniert es in den nächsten Jahren immer noch nicht mit einem internationalen Titel.

Die lange Saison nagt an den Spielern

Man muss bedenken, dass vor allem die Münchener eine lange Saison hinter sich hatten und erst spät in die Vorbereitung einsteigen konnten. Drei Vizetitel und viele Spiele in einer Saison hinterlassen dann doch physisch wie psychisch ihre Spuren. Das ist vielleicht der Grund, warum Boateng lieber auf den Ball wartet, anstatt ihm entgegen zu gehen. Warum Lahm keinen einzigen Offensivstoß wagte und jeden Ball nach hinten spielte. Warum Toni Kroos zuvor in einem Interview auf einen Einsatz brannte, um dann doch nur über das Spielfeld zu traben. Warum Bastian Schweinsteiger über das Spielfeld schlich und einfach mit den Kräften am Ende war.
Dann muss man aber wieder auf die Kritik an Joachim Löw zurückkommen und sich fragen, ob er das hätte ändern können, indem er frische Spieler aufgestellt hätte.

Gute Italiener und ein überragender Sami Khedira
Eine schlechte Mannschaft reicht nicht, um ein Spiel klar zu verlieren. Es muss auch eine Mannschaft geben, die außerordentlich gut spielt und das Geschehen auf dem Platz neunzig Minuten beherrscht. Das hat die Mannschaft von Cesare Prandelli hervorragend gemacht. Sie hat aus einer geordneten Defensive heraus gespielt und wurde im Angriff immer wieder gefährlich. Jedes Mal war sie einen Schritt früher da, als Deutschland und auch jeder zweiter Ball wurde gewonnen. In kurzen Abschnitten des Spiels hatte man das Gefühl, Italien spiele mit zwei Mann mehr. Auch muss man zu Gute halten, dass sie absolut fair gespielt haben. Da war in der zweiten Hälfte kein übermäßiges Zeitspiel, weil sie gemerkt haben, dass sie das Ergebnis auch spielerisch über die Zeit bringen können. Somit sind die Italiener verdient und ohne faden Beigeschmack ins Finale eingezogen und treffen nun auf die spanische Elf.
Wenn man die Italiener lobt und die Deutschen kritisiert, dann muss man einen Spieler aus der deutschen Mannschaft herausheben. Sami Khedira spielt das ganze Turnier auf höchstem Niveau und war im Halbfinale der beste deutsche Akteur. Er hat sich seit 2010 enorm in seinem offensiven Spiel verbessert und ist nun ein kompletter Spieler geworden. Sein dynamisches Spiel nach vorne und die unglaublich starke Laufleistung machen ihn zu einem der besten Spieler des Turnieres. Zudem räumt er defensiv alles ab und läuft Wege zu, die am Fernseher nur schwer zu erkennen sind. Er ist einer der Gewinner in Joachim Löws Team und könnte Schweinsteiger im zentralen Mittelfeld den Rang ablaufen.

Was die Zukunft bringt

Erwartungsvoll blickt ganz Deutschland auf Brasilien im Jahre 2014. Die Mannschaft ist dieses Jahr wieder jünger geworden und ist weiter in der Entwicklungsphase. Für die Generation Schweinsteiger, Lahm und Co. ist es vielleicht die letzte Chance, einen großen Titel zu gewinnen. Ähnlich wie es dieses Jahr bei Chelsea mit den in die Jahre gekommenen Terry, Drogba und Co. der Fall war. Wer weiß, wer sich bis dahin in Löws Team gespielt hat oder ob Löw bis dahin noch Trainer ist. Eins ist klar: Deutschland wird wieder anreisen um das Turnier zu gewinnen. Vielleicht werden sie wieder gewinnen, vielleicht aber auch nicht. Es gibt eine Phrase, die passt immer: Im Fußball kann alles passieren. 45 Studenten analysieren für Joachim Löw den nächsten Gegner. Der Bundestrainer kann seine Mannschaft so gut wie möglich auf den nächsten Gegner einstellen, dass Spiel voraussagen kann er aber auch nicht. Er konnte ja nicht wissen, dass sein Plan mit Toni Kroos nicht aufging. Im Fußball zählt nicht fair oder unfair, sondern nur das Ergebnis. Sollte die deutsche Nationalmannschaft 2014 etwas an ihrer Mentalität ändern, dann zählen sie auf jeden Fall zu den Favoriten auf den Weltmeistertitel.

Bildnachweis: flickr.com Zoltán Wiesner

One comment to Italien-Deutschland: Die Analyse

  • Jan Kliemann  says:

    Na ja, ich weiss nicht.
    Stellt euch mal vor, die Deutschen hätten ihre eigenen Chancen, von denen es einige gab, nutzen können. Dann würde niemand irgendwas in Frage stellen. Sicher war es keine Dominanz wie die Bayern im CL-Finale, aber es war schon auch ein bisschen Pech dabei. Gerade am Anfang hätte sich schon der ein oder andere Ball im italienischen Tor verirren können. Und dann wäre das ganze Spiel anders gelaufen. Auf der Gegenseite hat Balotelli aus zwei Chancen zwei Tore gemacht, was für ihn im Verlauf des Turniers auch nicht gerade typisch war. Dass er beim zweiten Tor den Ball so gut trifft, ist schon auch etwas glücklich. Ich finde die Kritik und die Zweifel am deutschen Team jedenfalls etwas überzogen. Und ich bin mir sicher, dass die Spanier mit den Deutschen im Finale kein 4:0 hinbekommen hätten. Ich finde es einfach krass, dass man vom deutschen Team verlangt, jedes Team, ausser den Spaniern, komplett zu dominieren. Man muss sich einfach vor Augen halten, dass die Deutschen in diesem spiel fast doppelt soviele Torschüsse hatten, wie die Italiener. Sie haben halt nur ihre Chancen nicht nutzen können. Auch weil Buffon einfach nen echt guten Tag hatte. Das Ding von Khedira hält nich jeder. Ich habe auf jeden Fall schon verdientere Verlierer als die Deutschen an diesem Tag gesehen…

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