Gutartiger Hass

Der FC Bayern ist ein Phänomen. National sind die Münchner der Hassgegner Nummer eins – international aber fiebern alle mit.

Am 19. Mai um 23:31 war in ganz Deutschland Chaos dahoam. Didier Drogba schoss Chelseas letzten Elfmeter, flach, gerade, links unten. Und Bayern hatte das Champions-League-Finale verloren.
Dieses „Finale dahoam“, von dem die Münchner so viel gesprochen hatten in den letzten zwei Jahren, war am Ende größer gewesen als sie selbst. Die Erwartungen hatten sie erdrückt. Die Wünsche der Fans, die Forderung der Presse, der eigene Druck, endlich Geschichte zu schreiben, all das war übermächtig geworden. Und so fand sich der FC Bayern in dieser Nacht am Boden wieder, zerstört, mit dem bittersten Trostpreis in der Hand, den es geben kann: der Silbermedaille.
Und für eine Nacht fühlte ganz Deutschland mit ihnen. Die Nürnberger, Berliner, Hamburger, Gelsenkirchener, ja sogar die Dortmunder waren auf ihrer Seite gewesen, es war doch nur für diese eine Nacht. Und, viel wichtiger: Es war international, weit weg von der Bundesliga.
Denn es gibt ein ungeschriebenes Gesetz unter Deutschlands Fußballfans: Wenn du nicht für die Bayern bist, musst du gegen sie sein. Mehr als jeder andere Klub spaltet dieser Verein die Fußballwelt in zwei Seiten. Entweder man verehrt die „Mir-san-mir“-Philosophie als die Grundlage des Erfolgs oder man findet sie bloß unglaublich selbstverliebt. Entweder man nennt Uli Hoeneß den Mitbegründer des deutschen Fußballs oder einen cholerischen, überheblichen Hitzkopf. Einen Mittelweg gibt es nicht.

Echten Rivalen wünscht man nur das Schlechteste

In der Bundesliga, wohlgemerkt. Denn an Champions-League-Abenden wie diesem 19. Mai halten plötzlich alle zu Bayern. Woher dieser Wandel kommt, ist leicht zu erklären: Sind die Münchener international erfolgreich, profitiert auch die Liga davon. Wie vor einem Jahr, als die Bayern der Bundesliga durch ihr gutes Abschneiden einen dritten Startplatz in der Champions League verschafften. So schnell wechselt man also die Seiten.
Dieses Denken ist einerseits logisch, da man in diesem Fall selbst profitiert vom Erfolg der Bayern. Allerdings zeigt es auch, dass all der erbitterte Hass gar nicht so ernst gemeint sein kann, wie die meisten Fans es darstellen. In Barcelona oder Madrid wird einem gerne versichert, dass man beim internationalen Ausscheiden des Rivalen nichts als Schadenfreude verspürt. Nun müssen sich die Spanier zwar auch keine Sorgen um die Fünf-Jahreswertung machen, aber dennoch: Einem echten Rivalen gönnt man keinen Erfolg, noch nicht mal in der Champions League. Einem echten Rivalen wünscht man nur das Schlechteste.
Dieser Abneigung, der den Münchnern aus allen Winkeln Deutschlands entgegenschlägt, ist also durch und durch harmlos – denn sobald es darauf ankommt, steht eben doch ganz Deutschland hinter ihnen. Es ist eine Art gutartiger Hass, den die Bayern erfahren, und manchmal ist er sogar förderlich. Denn in gewisser Weise lebt der FC Bayern auch von all der Antipathie. Dieser Verein ist immer in Bewegung, er steht immer im Rampenlicht, er ist nie unbeobachtet, und er polarisiert wie kein anderer. Und dazu braucht man nun mal gegensätzliche Gefühle.

Nichts ist schlimmer, als neutral zu sein

Und irgendwie wäre der Fußball ohne solche Feindbilder ja auch nicht der, den alle lieben. Wer schon einmal mit echten Fans diskutiert hat, spürte sofort: Hier muss man Farbe bekennen. Ob dafür oder dagegen ist am Ende eigentlich gar nicht so wichtig – denn mit seinen Gegnern kann man sich wenigstens gehörig zoffen. Doch nichts ist schlimmer als neutral zu sein. Das dürfen höchstens die Ahnungslosen.

Die Allianz-Arena – von Anti-Bayern auch liebevoll "Arroganz-Arena" genannt

Mitfiebern, hoffen und bangen für den eigenen Verein nämlich ist nur die eine Seite des Fußballs. Die andere ist das abgrundtiefe Hassen. Wer kennt sie nicht, diese Art der Stadionbesucher, die auf dem Platz hinter einem sitzt und dauernd über irgendetwas schimpft? In jedem Stadion gibt es zwei wichtige Grundregeln, die nicht verletzt werden dürfen: Die erste besagt, dass man die eigene Mannschaft bedingungslos anfeuert. Und die zweite lautet: Hasse den Schiri, den Gegner, die gegnerischen Fans – und die Bayern.
Und irgendwie haben die Schimpfer ja auch guten Grund dazu. Das Geld, die Arroganz, die Selbstverständlichkeit, mit der man in München über Titel redet – all das ruft einiges an Neid, Feindseligkeit und eben Hass hervor. Und auch das eigene Leid spielt eine Rolle. Während der gemeine Fan Woche für Woche mit seinem Team im Tabellenkeller feststeckt und von nur einer Saison ohne Abstiegssorgen träumt, klagen die Münchner über drei Spiele ohne Sieg oder darüber, dass sie zwei Jahre in Folge nicht Deutscher Meister geworden sind. Und irgendwie, denken die Freiburg-, Köln-, Kaiserslautern- und Frankfurt-Anhänger, irgendwie scheinen sich die Bayern noch nicht mal so richtig über ihre Titel zu freuen. Der 15. Pokalsieg wurde beiläufig zur Kenntnis genommen, und über die 22. Meisterschaft freute man sich zwar, aber eben so, wie man sich über den jährlichen Sommerurlaub mit der Familie freut.

Pokale in Beckenbauers Schrank

Und dann, für einen ganz kleinen Moment, haben die Freiburger, Kölner, Kaiserslauterer und Frankfurter zum ersten Mal ein wenig Mitleid mit den Bayern-Fans. Was für ein trauriges Leben muss das sein, denken sie, und plötzlich sind sie dankbar, dass es ihnen anders geht. Wahrscheinlich werden sie sich mit ihrem Verein am Ende der Saison wieder im unteren Drittel der Tabelle wiederfinden, und wahrscheinlich wird ihr Klub auch im nächsten Jahr mehr Frustration und Verzweiflung als Glücksgefühle für sie bereit halten. Aber sie wissen, wenn das Glück kommt, dann ist es unvergesslich. Vielleicht haben sie eine Meisterschaft in ihrem Leben erlebt, vielleicht haben sie einen Pokalsieg gefeiert, nur einen einzigen, und vielleicht wird in den nächsten fünfzig Jahren auch keiner mehr folgen. Aber an dieses eine Mal werden sie sich ihr Leben lang erinnern, sie werden ihren Kindern und Enkelkindern davon erzählen, sie werden es mit ins Grab nehmen.
Das denken die Freiburger, Kölner, Kaiserslauterer und Frankfurter. Aber nur kurz, nur bis zum nächsten Sieg der Bayern. Dann erinnern sie sich wieder an all die Verbalattacken und Giftpfeile, die vor Arroganz und Überheblichkeit nur so sprühen, an all die Millionen, die Robben, Ribéry und Gomez jährlich verdienen, an all die Pokale, die in irgendwelchen staubigen Vitrinen oder in Franz Beckenbauers Schrank langsam zerfallen. Und es dauert nicht lange, dann ist das seltsame Gefühl des Mitleids verschwunden. Und der gutartige Hass erwacht wieder in ihnen.

One comment to Gutartiger Hass

  • Greg  says:

    Und Hass und Diskriminierung ist nie eine “innere Angelegenheit”.KLASSE. kf6nnen wir das gaaanz dick bei eiiengn politikern an die (mentale) haustfcr schreiben?

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