Es gibt keine Zwei ohne Drei

Haciendo clack

In einem Spiel gegen Italien vor gut vier Jahren entstand in Österreich etwas, das zur Grundlage für die restlichen Erfolge Spaniens wurde

Es endete so, wie es begonnen hatte. Spanien gewann gegen Italien, und ein ganzes Land feierte.
Es begann vor etwas mehr als sechs Jahren, im Sommer 2008, während der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz. Die Stimmung im Team war harmonisch, man war zuversichtlich: Die Mannschaft hatte sich im österreichischen Kärnten in Ruhe vorbereitet. Sie war gespickt mit international begehrten Spielern, sie war mit einem Altersschnitt von gut 26 Jahren für damalige Verhältnisse relativ jung, und in den Vorrundenspielen hatte sie sogar meistens schönen Fußball gespielt.
Und nun stand das Team im Viertelfinale gegen Italien. Wenn man die Rahmenbedingungen betrachtet, gab es eigentlich keinen Grund zur Sorge, war doch alles bisher nach Plan verlaufen. Und doch sahen die Gedanken vieler Spanier gleich aus: Ausgerechnet Italien. Und ausgerechnet im Viertelfinale.
Denn Italien war schon immer der komplette Gegensatz. Catenaccio gegen Tiki-Taka, Defensive gegen Offensive, Kampf gegen Kunst; es prallten hier zwei Spielstile aufeinander, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Doch da war noch etwas anderes, das den Spaniern Unbehagen bereitete. Die Italiener nämlich waren Weltmeister, schon zum Dritten mal in ihrer Geschichte. Die Spanier dagegen hatten bis auf eine EM aus dem Jahr 1964 nie etwas gewonnen. Ihr letzter Titel lag fast ein halbes Jahrhundert zurück.
Damals versuchte man sich einzureden, dass das nicht wichtig sei. Zwar gewannen die anderen stets mehr, doch die Spanier sagten, ja, aber dafür spielen wir schöner! Sie redeten sich ein, dass sie lieber schön spielend verlieren als hässlich gewinnen würden. Insgeheim aber beneideten sie Italien ein wenig, diese Italiener, denen es egal war, was die Welt von ihnen dachte, denen es nur um den Erfolg ging, notfalls auch mit dreckigen Mitteln. Die Weltmeister. Die Spanier sehnten sie sich nach einem Titel, der sie endlich auch offiziell zu dem machte, was sie ihrer Meinung nach schon längst waren: eine große Fußballnation.
In fast allen großen Turnieren zuvor waren die Spanier dramatisch im Viertelfinale gescheitert, Jahr für Jahr, immer wieder, spätestens im Viertelfinale war Schluss. Die Zeitungen beschworen einen so genannten „Viertelfinalfluch“ herauf. Doch in die Angst vor diesem „Fluch“ mischte sich mit der Zeit auch ein klein wenig Hoffnung. Let’s get beyond the quarters, lasst es uns hinter das Viertelfinale schaffen, hieß der offizielle spanische Song zur EM 2008 von Alvaro Benito. Wenn sie dieses verfluchte Viertelfinale erst mal überstanden hatten, würde der Rest ganz von selbst gehen, hofften die Spanier.
Und auf wundersame Weise behielten sie recht. Irgendwie gewann Spanien gegen Italien im Elfmeterschießen mit 4:2, und plötzlich war der Komplex verschwunden. Der Fluch, den sie selbst heraufbeschworen hatten, der eigentlich nur in ihren Köpfen existierte, war endlich überstanden. In der Mannschaft entstand ein nie dagewesener Teamgeist. Die Angst wich einem tiefen Glauben, Glaube in die eigene Stärke, Glaube, dass sie es dieses Mal schaffen würden. Denn endlich, zum ersten Mal seit Jahren, hatten sie mal wieder ein Halbfinale erreicht.
„Es war eine Befreiung“, sagt Xabi Alonso. „In dieser Nacht haben wir mehr gefeiert als nach dem Finale.“ Fernando Torres, der Mann, der im Finale das entscheidende Tor gemacht hatte, sagt noch heute, dass dies die Nacht war, in der Spanien Europameister wurde.

Heute, sechs Jahre später, haben die Spanier alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Sie sind Europameister, Weltmeister und Europameister. Sie haben als erste Mannschaft überhaupt den EM-Titel verteidigt, sie haben „Geschichte geschrieben“, wie es so schön heißt. Auch beim nächsten Turnier, der WM 2014 in Brasilien, werden sie Favorit sein, und alles andere als ein Titel wäre für die meisten eine Enttäuschung.
Diese Erwartungshaltung hört sich vielleicht brutal an, wird aber für die Spanier nichts Neues sein. Denn schon bei der diesjährigen EM war der Druck enorm. Der offizielle Song wurde diesmal von David Bisbal gesungen und hieß No hay dos sin tres. Das klingt nicht wie ein freundliches, ermutigendes Let’s get beyond the quarters. Es hört sich fast wie eine Drohung an. Es gibt keine Zwei ohne Drei. Zwei Titel sind nicht wert ohne einen dritten, lautet die versteckte Botschaft dahinter.
Dass sie diesen dritten Titel dennoch holten, spricht nicht nur für die Klasse, die diese Mannschaft besitzt. Es spricht auch für einen ganz besonderen Teamgeist. „Das Innenleben der Gruppe war außergewöhnlich gut“, sagt Vincente del Bosque, Spaniens Trainer. „Ich muss mich auch bei den Reservisten bedanken. Ihr Verhalten war ritterlich, eine Basis für den Titel.“ Die beiden verletzten Stammspieler David Villa und Carles Puyol flogen zum Finale sogar extra nach Kiew. „Das war sehr wichtig, sie haben die Mannschaft dadurch sehr unterstützt“, sagt del Bosque.
Und so endete es, wie es begonnen hatte. Spanien gewann gegen Italien, und ein ganzes Land feierte.

Bildnachweis: flickr.com Haciendo clack

2 comments to Es gibt keine Zwei ohne Drei

  • Marco  says:

    “In einem Spiel gegen Italien vor gut sechs Jahren entstand in Österreich”

    Ähm, die EM in Österreich (und der Schweiz) war doch 2008, also erst vor 4 Jahren, oder nicht!?

    • Flatterball  says:

      Stimmt. Danke für den Hinweis. Ist verbessert

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