Ein Tag an der Anfield Road

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Der Greenkeeper bei der Arbeit

Der Greenkeeper bei der Arbeit

Das halte ich nicht 90 Minuten durch. Ich kann hier nicht sitzen. Das ist unmöglich. Unfassbar. So eben wollte ich mich anderthalb Stunden vor Spielbeginn auf meinen Platz setzten, da machte sich Panik in mir breit. Meine Knie gruben sich in den vorderen Sitz und richtig gemütlich war meine Sitzposition auch nicht. Ich versuchte meine Beine in die freien Räume zwischen die Sitzschalen zu stellen. Diese Taktik könnte funktionieren, wenn sich nicht gerade zwei 1,90 Meter Schränke neben mich setzen würden. Denn die hätten wahrscheinlich auch das Platzproblem in der Anfield Road gehabt. Bis zum Spielbeginn stand ich, um meine Knie nicht unnötig zu strapazieren. Im Endeffekt hatte ich dann noch Glück, da der berühmte Fanblock von Liverpool, der Kop, an diesem Tag nicht bis zum Rand besetzt war und ich den Vorteil von zwei freien Sitzen genießen konnte.

Für mich war ein Traum in Erfüllung gegangen, als ich die Eintrittskarte eines Tages aus dem Briefkasten fischte. Als Liverpool Fan war es schon immer mein großer Wunsch gewesen, ein Heimspiel in der Anfield Road zu besuchen. In England ist es generell sehr schwer an Tickets zu gelangen, zudem sind diese noch um einiges teurer als in Deutschland. Doch im internationalen Wettbewerb gelten die Dauerkarten nicht, sodass ich an eine Eintrittskarte kam. Das nicht genug. Ich saß auf der wahrscheinlich berühmtesten Fantribüne der Welt: dem Kop. Auf ihm wurden die Fangesänge populär und auch das Lied “You’ll never Walk alone” wurde an diesem Ort zur Legende.

Um die Stimmung und Atmosphäre dieses Vereins hautnah zu erleben, ging ich schon um einiges früher vor Spielbeginn zum Stadion. In dem Wohnviertel ließen schon einige Merchandise-Stände ahnen, dass man sich in der Nähe des Stadion befindet. Das Stadion war aus der Ferne nicht zu sehen, denn es ist in jeder Himmelsrichtung umringt von Wohnhäusern und Straßen. Es wirkte, als wäre die Anfield Road wie ein Playmobilstein von oben in die Stadt reingesetzt worden. Da, wo noch ein bisschen Platz ist. Da, wo die Tribünen fast die Häuserwände schleifen. Da, wo man sich als Fan mittendrin fühlt. Parkplätze gab es nicht. Es wurde zum Stadion gelaufen. Auch die zwanzig Minuten Fußweg zur nächsten U-Bahn Stationen schienen die Engländer mühelos und ohne meckern hinzunehmen.
Auf einer Straßenseite, die direkt am Stadion liegt, erinnert eine Gedenktafel an die 96 Hillsborough-Opfer, die 1989 bei einem Zuschauerunglück ums Leben kamen. Einige Fans hatten es sich zum Ritual gemacht, die Gedenktafel mit einem Kuss zu versehren.

Kein Witz. Hier müssen alle Leute durch, um ins Stadion zu gelangen. Der Stadioneingang
Kein Witz. Hier müssen alle Leute durch, um ins Stadion zu gelangen.

Der Stadioneinlass war für mich Anfieldneuling ein echtes Highlight. Der schmale Spalt in der Backsteinwand und dem darin sich befindenden Drehkreuz ließen mich schnell in die Vergangenheit zurückversetzen. Retro pur. Wer weiß, wie lange diese Anlage schon in Betrieb ist. Zumindest adipöse oder klaustrophobe Leute sollten bei diesem Stadioneingang Probleme bekommen. An der Anfield Road wird Luxus nicht groß geschrieben. Die Katakomben, die ich am Nachmittag besichtigen konnte, strotzten ebenfalls nicht vor Luxus und Hightech. Die Spieler ziehen sich auf gewöhnlichen Holzbänken um und wenn es zum Einlaufen die engen Treppenstufen runter geht, wird es schon mal kuschlig. Hier spürt jeder jeden und weiß, mit wem er es in den nächsten 90 Minuten zu tun hat. Etwas Besonderes stellt die Coaching Zone in der Anfield Road dar. Sie befindet sich nicht auf Höhe der Mittellinie sondern zentral in der linken Spielhälfte. Die Trainer beider Teams müssen des Weiteren eine Coaching Zone zusammen benutzen, die die Größe von einer in Deutschland besitzt. Die Auswechselbänke ragen, wie bei vielen englischen Stadien, in die normale Tribüne hinein und werden in Liverpool dementsprechend auch bestuhlt. Nur leichte Polster heben die Stühle der Bank gegenüber der den der Zuschauertribüne ab.

Die Auswechselbank in der Anfield Raod unterscheidet sich nicht viel mit der Zuschauertribüne
Die Auswechselbank in der Anfield Raod unterscheidet sich nicht viel mit der Zuschauertribüne

Als regelmäßiger Stadionbesucher in Deutschland war es mir fremd, dass man sich keiner Körperkontrolle unterziehen musste und theoretisch alles Mögliche hätte mit reinnehmen können. In England wird den Fans noch vertraut und keine Zelte zur Ganzkörperkontrolle aufgestellt. Jedoch ist in England die Fankultur eine ganz andere, als die in Deutschland. Der berühmte Taylor Report aus dem Jahre 1990 ließ alle Stehplätze in den englischen Stadien verschwinden und die sogenannten All-Seater entstehen. Das merkte ich während des Spiels sofort, da alle Fans auf dem Kop saßen und dementsprechend auch die Stimmung zweitweise schlecht war. Durchgängigen Gesang habe ich genauso vermisst, wie Trommeln, einen Vorsänger oder viele Schwenkfahnen. Wenn sich die Masse entschloss, doch ein Lied anzustimmen, bekam ich dann doch sofort Gänsehaut. Die englischen Lieder waren sehr klangvoll und hörten sich einfach gut an. Nach zwei Wiederholungen war es wieder still und ich konnte den Torwart auf der anderen Seite des Spielfeldes hören. Das wiederholte sich das ganze Spiel. Gesang, Ruhe, Gesang, Ruhe. Dafür wurde viel applaudiert. Jede halbwegs gute Aktion wurde beklatscht. Selbst die Auswechselspieler, die zum warm machen an die Seitenlinie getrabt kamen, wurden mit Standing-Ovation in Empfang genommen.

Nicht nur die eigene Mannschaft wurde mit Standing-Ovation empfangen. Als Udinese Calcio vor dem Spiel zum Aufwärmen auf den Platz kam, ging etwa kein gellendes Pfeifkonzert los, sondern die Auswärtsmannschaft wurde mit Beifall begrüßt. Das habe ich auch noch nie erlebt, außer es handelte sich um ein Spiel zwischen zwei befreundeten Fanlagern. Ich glaube, selbst Udinese hätte nicht mit dieser sehr höflichen und sportlich fairen Geste gerechnet.

Das Spiel ging zwar aus Liverpooler Sicht mit zwei zu drei verloren, trotzdem hatten die Zuschauer und ich ein sehr abwechslungsreiches und aufregendes Spiel gesehen, sodass ich mit einem ganz guten Gefühl aus dem Stadion ging. Zuvor wollte ich aber noch bleiben und warten, bis die Mannschaft zur Tribüne kam um sich bei den Fans für die Unterstützung zu bedanken. Das ist für mich als deutscher Stadiongänger selbstverständlich. Doch alles löste sich sehr schnell auf. Die Spieler waren flink in den Umkleidekabinen verschwunden und auch den Fans hielt nichts mehr auf den zu viel zu kleinen und engen Sitzen. Irgendwie verständlich. Natürlich wurde vom Stadion aus zurück gelaufen. Nur zwei Busse standen bereit, die maximal 10o Fans in die Innenstadt bringen konnten. Aufgrund mangelnder Orientierung habe ich mich für die Shuttlevariante entschieden. Nur kamen wir nicht voran, weil die ganze Straße voller Menschen auf dem Nachhauseweg war.

Im Bus wurde mir schnell klar, dass ich nicht der einzige internationale Liverpool Fan war, der das Spiel besucht hatte. Zwei Schweden, die auch nur für dieses Spiel nach Liverpool geflogen waren, unterhielten sich sehr amüsant über den nicht gerade Fanliebling Stewart Downing. Der eine Schwede behauptete, mit seiner Frau mehr Zweikämpfe gehabt zu haben, als der englische Mittelfeldspieler in seiner gesamten Karriere. Die Schweden verloren auf dem Rest der Fahrt bei angetrunkenem Zustand ihren Humor nicht und so konnte der ganze Bus auf der Fahrt noch ein bisschen lachen und schmunzeln. Ich konnte währenddessen meine Knie schonen, da der Bus mehr Beinfreiheit hergab, als die Anfield Road.

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