Ein Kommentar zu dem Wechsel von Boateng zu Schalke 04

Ungläubigkeit, Verwirrung und Verständnislosigkeit waren meine ersten Reaktionen auf diese Meldung: “Boateng wechselt zu Schalke 04!”. War es eine Fehlmeldung, ein übler Scherz, oder doch nur ein Gerücht? In dieser Transferperiode gab es nur zu Hauf Meldungen über Wechsel von Bale, Suarez, oder Rooney, die innerhalb von wenigen Minuten dementiert wurden. Doch dieser Wechsel sprach sich rum wie ein Lauffeuer und schien dann doch wahr zu werden. Kevin-Prince Boateng wechselt vom AC Milan zu Schalke 04 in die Bundesliga.

Noch zwei Tage zuvor schoss Boateng den AC Mailand mit zwei Toren gegen PSV Eindhoven in die Gruppenphase der Championsleague und schrie während seines Torjubels “I love you” ins Publikum, dabei immer wieder die Hand auf das Vereinswappen schlagend. Kevin-Prince Boateng hat sich nach seinem Foul an Michael Ballack und dem Bad Boy Image in Deutschland in Mailand zu einem echten Publikumsliebling und auch zu einer Führungsposition auf dem Platz entwickelt. Deswegen kam der Wechsel so überraschend. Während seiner Zeit in Mailand betonte der gebürtige Berliner immer wieder, noch eine sehr enge Bindung zu seinem alten Verein Borussia Dortmund zu haben, bei dem er ein halbes Jahr spielte. Dortmund sei sein Lieblingsverein! Nun kam das Kommando zurück: ”Das hat sich seit gestern Abend erledigt! Schalke ist mein Lieblingsklub!”.

Hier hatte Boateng noch eine andere Meinung!

Da werden sich nicht nur die Dortmunder hintergangen fühlen, sondern auch die Schalke Fans werden Boateng mit einer gewissen Skepsis entgegenwirken. Ist unser neuer Star vertrauenswürdig? Wird er im Derby gegen Dortmund alles geben, oder empfindet er noch Sympathien für diesen Klub? Dortmund sei sein Lieblingsverein, den Mailändern ruft er zu, er liebe sie und am Ende des Tages ist Schalke 04 sein Lieblingsklub? Etwas komisch und wirr klingt das schon.

Nicht nur die moralische Perspektive muss man betrachten, sondern auch einen Blick auf die sportliche und finanzielle werfen. Sportlich macht Boateng wahrscheinlich einen Schritt zurück. In Mailand zauberte er im Sturm mit Balotelli und El Shaarawy, nun findet er sich in einer Mannschaft wieder, in der fast jeder in seiner eigenen kleinen Formkrise steckt, die sich zu einer großen Krise zusammenformt. Zuerst der schlechte Auftritt im DFB-Pokal, gefolgt von zum Teil unterirdischen Spielen in der Bundesliga (0:4 in Wolfsburg). Auch die Championsleague Qualifikation gegen Saloniki war alles andere als souverän. Da fragt man sich also, wieso gibt Boateng seinen Heldenstatus in Mailand auf, um zu einem Krisengeprägten Klub zu wechseln? Zudem muss sich der Mittelfeldspieler wieder mit der deutschen Presse konfrontiert fühlen, die ihn vor drei Jahren nicht sehr einfühlsam behandelt hat. In Italien war er abgeschottet von der deutschen Presse, gab wenig Interviews und hielt sich zunehmend aus der Öffentlichkeit raus. Er spielte sich zunehmend mit guten Leistungen in den Vordergrund, zufrieden und erwachsener wirkte er aus der Ferne.

Die Finanzielle Seite des Wechsels liegt etwas im Dunkeln, daher kann bis hier hin nur spekuliert werden. Es war klar, dass sich Schalke 04 in der Offensive noch einmal verstärken wollte. Nach dem Bastos diesen Sommer in die Vereinigten Arabische Emirate wechselte, wurde es extrem knapp in der Breite des Schalker Kaders. Lange wurde über eine Verpflichtung des Schweizer Valentin Stockers spekuliert, da dieser noch in den geengten finanziellen Rahmen Schalkes passen würde. Horst Heldt wollte mit einer Verpflichtung aber erst nach den beiden Championsleague Qualifikationsspielen warten, um die Finanzierung eines Transfers zu gewährleisten. Daher wirkt auch aus dieser Perspektive dieser Wechsel überraschend. Schalke setzte diese Saison auf junge Talente, wie Draxler, Meyer oder Goretzka. Man konnte nicht davon ausgehen, dass die “Knappen” noch einen solchen Transfercoup realisieren könnten. Angeblich haben “die Blauen” sich mit Boateng jedoch ein Schnäppchen geangelt, 12 Millionen Euro wurden kolportiert. Für das heutige Fußballgeschäft mit seinen riesigen Transfersummen ist das recht wenig. Wahrscheinlich hatte “Prince”, wie es auf seinem Trikot steht, eine Ausstiegsklausel im Vertrag, schwer vorstellbar das der AC Mailand einen Leistungsträger für diese Transfersumme ziehen lässt. Doch 12 Millionen sind nicht gerade wenig, hinzukommen die vier Jahresgehälter, die Schalke an seine Neuverpflichtung zahlen muss. Schalke ist hier wohl ein finanzielles Risiko eingegangen, um den verkorksten Saisonstart in eine erfolgreiche Saison umzuwandeln.

Doch was können Boatengs Beweggründe sein? In letzter Zeit ist es öfter vorgekommen, dass Topstars aus europäischen Topligen in die Bundesliga wechseln. Dort hat man gestiegene sportliche Konkurrenz, in den Stadien herrscht immer gute Stimmung und schlecht tut man auch nicht verdienen. Der 26-Jährige sehnte sich vielleicht nach der deutschen Mentalität zurück, schließlich ist er in Berlin aufgewachsen und durchlief jegliche Deutsche Jugendnationalmannschaften. Ein weiterer Grund könnte das Rassismusproblem in Italien sein, welches Boateng wieder nach Deutschland lockt. In einem Testspiel diesen Jahres wurde er von Fans einer unterklassigen Mannschaft rassistisch beleidigt, woraufhin er das Spielfeld verließ und seine Mannschaftskameraden es im gleich taten. Für diese Aktion erhielt er viele Sympathien aus aller Welt.

Gerüchte, Vermutungen, Spekulationen. Hoffentlich stellt sich Kevin-Prince Boateng in einem Interview der Öffentlichkeit und redet Klartext. Viele überraschte Fußballfans würde er damit einen großen Gefallen tun, denn es sind noch viele Fragen offen.

Jürgen Klopp mit Worten, mit denen er wahrscheinlich vielen aus der Seele spricht

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