Die „Falsche 9“

Die Falsche Neun auf dem Trikot (flickr.com mightymightymatze)
Die Falsche Neun auf dem Trikot (flickr.com mightymightymatze)

Die Falsche Neun auf dem Trikot (flickr.com mightymightymatze)

In der letzten Zeit wurde viel über die sogenannte „Falsche 9“ diskutiert. Nun geben wir auch mal unseren Senf dazu. Was ist das? Passt sie ins System der deutschen Nationalmannschaft? Sollte der Bundestrainer auf klassische Mittelstürmer setzen? Wir beziehen Stellung.

Das System um die „Falsche 9“ wird immer mehr Teil des modernen Fußballs; Der derzeit wohl beste Fußballclub der Welt, der FC Barcelona, setzt seit einigen Jahren auf Lionel Messi als einzige Sturmspitze. Auch Vicente del Bosque, Trainer von Welt- und Europameister Spanien, hat bei der EM 2012 den 6. Mittelfeldspieler in sein System integriert anstatt auf den üblichen Kandidaten Fernando Torres zurückzugreifen. Nebenbei bemerkt wurde dieser im Laufe des Turniers, trotz seiner untergeordneten Rolle als Einwechselspieler, Torschützenkönig. Seine Position als vorderste Anspielstation nahm Cesc Fabregas ein.

Beide, Messi und Fabregas, sind keinesfalls Abbilde des klassischen Mittelstürmers. Weder groß gewachsen, noch besonders robust oder kopfballstark, sind sie nicht die geeigneten Abnehmer für hohe Hereingaben oder ähnliches. Dafür besitzen sie bessere spielerische Anlagen als übliche Stoßstürmer wie etwa Mario Gomez oder Robert Lewandowski. Sie können mit ihren Teamkollegen auf den Außen oder im Mittelfeld die Positionen tauschen. Diese vielen Positionswechsel führen zu Bewegung und ständiger Unruhe vor dem gegnerischen Tor, wodurch das Offensivspiel schwer ausrechenbar und sehr variabel ist. Mit schnellem Passspiel und Kombinationen durch die Abwehrreihen können viele Torchancen kreiert werden. So auch zu sehen im Rückspiel der Nationalelf gegen Kasachstan in Nürnberg (4:1). Doch wie jedes System hat auch die Formation um die „Falsche 9“ ihre Schwächen. Ein im Fußball fest verankertes Mittel, das Flankenspiel, verliert an Wichtigkeit. Auch ist es für körperlich unterlegene Stürmer schwer sich gegen Hünen wie Hummels, Piqué oder Pepe durchzusetzen. Aber für solche Innenverteidiger ist es dafür auch bedeutend schwieriger mit flinken, dynamischen Angreifern mitzuhalten und sie fair vom Ball zu trennen. Also hat es wieder etwas für sich.

Joachim Löw hatte sich nun auch dazu entschieden mit Mario Götze einen gelernten Spielmacher ins Sturmzentrum zu stellen. Seine Begründung, weniger ausrechenbar zu sein und neue Optionen auszutesten, klang zunächst einmal schlüssig. Und während Götze in der obligatorischen Aufstellung mit einem Sturmtank wie Klose oder Gomez wohl (noch) keinen Stammplatz hat, bot sich so die Möglichkeit, mit Götze, Özil, Reus und Müller gleich 4 Spieler dieser Sorte spielen zu lassen, die sich sonst 3 Plätze teilen müssen. Durch die große Anzahl an talentierten offensiven Mittelfeldspielern in Deutschland macht dies die neue Spielweise so praktisch. Es bietet mehr Möglichkeiten Spielern wie Draxler, Kroos oder Holtby die wohlverdienten Einsatzzeiten zu geben.

Es gibt aber Unterschiede zwischen dem System Barca’s und dem Deutschlands. Bei den Vorreitern der Taktik ohne „echte 9“wird eher auf klassische Flügelstürmer wie Pedro oder Sanchez gesetzt und so ein leicht abgewandeltes 4-3-3 gespielt. Der Bundestrainer blieb bei seiner, aus dem bewährten 4-2-3-1 bekannten, offensiven Dreierreihe und machte daraus beinahe ein 4-2-4-0. Und genau dadurch wurden die oben aufgezeigten Möglichkeiten zu neuen Stärken des deutschen Teams. Vier Spieler, die sich frei auf dem Feld bewegen können. Das macht es extrem schwer für die Verteidigung, denn gehen sie die Wege der Angreifer mit, entstehen neue Lücken und der Weg zum Tor ist entblößt. Doch bleiben sie einfach auf ihrer Position und gehen die Wege eben nicht mit, sind die Gegner ohne Gegenspieler und können sich frei entfalten.

So halte ich es als zweites Spielsystem für geeignet, doch wie auch schon der Bundestrainer bekräftigte, weiter auf das klassische System mit dem typischen Mittelstürmer zu setzen, sehe ich es nur als Alternative. Außerdem wird es kaum zu rechtfertigen sein dauerhaft auf einen Torjäger des Kalibers Kießling zu verzichten. Mit 16 Toren steht er hinter Lewandowski auf Platz 2 der Torschützenliste – weit vor einem Spieler wie Gomez, der über seine Reservistenrolle beim FC Bayern kaum hinauskommt (14 Einsätze, 2 über 90 min.). Doch jener Gomez steht immer wieder im Aufgebot der DFB-Elf. Doch Löw zeigte ja auch schon zuvor häufig Inkonsequenz in seinen Begründungen und Taten. Vielleicht bekommt Kießling ja bis zur WM 2014 in Brasilien noch eine Chance, auch wenn er das Thema Nationalmannschaft schon abgehakt hat, wie er öffentlich verlauten ließ.

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