Der Tag an dem die Tatsachenentscheidung starb

Flanke. Schuss. Kurzes Zögern. Dann der Pfiff. Der Zeigefinger zum Punkt. Die Hand zur Hosentasche. Rote Karte. Aufgebrachte Dortmunder. Dann die Zeitlupe. Fehlentscheidung.

Ein Samstag. Der achte Dezember. Borussia Dortmund hatte am 16. Spieltag der Fußball Bundesliga Wolfsburg zu Gast. Für Dortmund lief das Spiel nach Plan. Eine frühe Führung zu Hause durch Marco Reus. Doch in der 36. Minute sollte sich das Blatt zugunsten von den Wölfen wenden. An der linken Strafraumgrenze lupft Diego den Ball dem startenden Vieirinha in den Lauf. Dieser passt ihn per Direktabnahme in die Mitte zu Mittelstürmer Bas Dost. Ebenfalls per Direktabnahme schießt dieser auf das leere Tor. Marcel Schmelzer springt zwischen den Schuss und es ist im ersten Moment nicht klar, ob der linke Verteidiger den Ball mit der Hand oder dem Körper auf der Linie abgewehrt hat. Schiedsrichter Wolfgang Stark steht etwas abseits vom Geschehen und pfeift nach kurzem Zögern Elfmeter. Anschließend gibt es für Marcel Schmelzer die rote Karte. In der anschließenden Zeitlupe ist jedem klar, dass Schmelzer den Ball mit seinem Oberschenkel abwehrt und Wolfgang Stark eine Fehlentscheidung getroffen hatte.

Nach dem Spiel stellt sich Wolfgang Stark den Fernsehbildern mit den Worten: “Anhand der Fernsehbilder hat man natürlich gesehen, dass kein Handspiel vorlag – somit ein Wahrnehmungsfehler. Ein klarer Fehler von mir. Das tut mir natürlich leid.” In der Sky-Talkrunde ist Markus Merk der Meinung, mit diesen Worten hätte Schmelzer eine berechtigte Hoffnung, freigesprochen und nicht gesperrt zu werden. Er verwies auf die Präzedenzfälle von 2001 mit Sergej Babarez und 2003 von Hasan Salihamidžić. Beide wurden nach einer roten Karte nicht gesperrt. Der DFB Kontrollausschuss stellte auch das Verfahren gegen Marcel Schmelzer ein. Die Begründung war das Fehlereingeständnis von Wolfgang Stark.

Doch warum gibt es erst drei solcher Fälle? In der Zeit gab es genug Fehlentscheidungen, die zu einer roten Karte führten. Man erinnere sich an die Schauspieleinlage von Igor de Camargo im DFB Viertelfinale gegen Hertha BSC, als er sich theatralisch fallen ließ und so einen Kopfstoß von Herthas Roman Hubnik vortäuschte. Es gab in der Verlängerung den spielentscheidenden Elfmeter für Gladbach und die Rote Karte für den tschechischen Innenverteidiger. Eine weitaus wichtigere Szene, weil es um den Einzug in das DFB-Pokal Halbfinale ging und nicht um ein Bundesligaspiel. Trotzdem wurde Roman Hubnik für ein Spiel gesperrt. Jedoch war allen klar, dass dies eine Fehlentscheidung von Dr. Felix Brych gewesen war. Der DFB verwies auf die Tatsachenentscheidung.

Nach dem “Schmelzer-Urteil” wird es in der folgenden Zeit immer mehr Anträge auf eine Einstellung des Verfahrens geben. Erster Aufreger war die rote Karte von Franck Ribery im Auswärtsspiel gegen Augsburg. Nach dem Spiel war von einigen Vereins-Verantwortlichen zu hören, gegen diese Entscheidung vor zugehen und Ribery nicht zu sperren. Mit dem Lösen des Problems Schmelzer hat sich der DFB nun weitere Probleme geschaffen. Nach Fehlentscheidungen kann jetzt immer der Präzedenzfall Schmelzer hinzugezogen werden.

Es ist keine Lösungen Spieler nicht zu sperren, indem sich der verantwortliche Schiedsrichter vor die Presse stellt und seinen Fehler eingesteht. Manchen Schiedsrichtern fehlt es an Mut zu solch einer Handlung. Es sind nicht viele so routiniert wie Wolfgang Stark. Der DFB sollte die Tatsachenentscheidung beibehalten, sonst könnte man gleich den Videobeweis einführen, wenn jede Fehlentscheidung eines Schiedsrichters anschließend revidiert wird. Jeder macht mal einen Fehler, schließlich sind Schiedsrichter auch nur Menschen.

Anschließend bestrafen könnte man jene Schauspieler wie de Camargo, die es den Schiedsrichtern schwer machen, auf richtig und falsch zu entscheiden. Eine Schwalbe ist eine grob unsportliche Handlung und sollte genauso schwer bestraft werden, wie eine rote Karte.

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